Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

27.11.2002   12:05   +Feedback

Sloterdijk und die natürliche Varianz

V O R N E   K U R Z,   H I N T E N   L A N G

Wenn er redet, dann klingt es so, als wären seine Eltern zu geizig gewesen, ihn als Kind rechtzeitig zum Logopäden zu schicken. Und wenn er schreibt, dann wird einem klar, dass auch in der Philosophie das Gesetz der Kloake gilt: die Kacke schwimmt immer oben. Drei Tage nach den Wahlen in Österreich hat Peter Sloterdijk dem “Standard” ein Interview gegeben, in dem er das Ergebnis der Wahlen kommentiert und sich auch zu anderen wichtigen Fragen äußert. Der Sieg der ÖVP sei “kein Erdrutsch” gewesen, sondern “eine sinnvolle demokratische Massenverteilung, sie führt dazu, dass Österreich endgültig aufhört, unter absurder antifaschistischer Quarantäne zu stehen”. So wie Sloterdijk, der von dem Umstand profitiert, dass es für die öffentliche Hand billiger ist, einen bekennenden Irren zum Beamten auf Lebenszeit zu ernennen, statt ihn wegzusperren und zu therapieren. Das Ende der antifaschistischen Quarantäne ist ihm ein ganz persönliches Anliegen. Denn wenn ein ganzes Land die Ketten sprengt, in die es gelegt wurde, und wenn es nur die kleine Ostmark ist, dann kann auch ein deutscher Kulturfaschist wie Sloterdiijk wieder freier atmen. Aus dem kleinen Ferkel, das einige sogar niedlich fanden, weil es so originell grunzte, ist eine richtig dicke Sau geworden, die sich lustvoll in anderer Leute Blut wälzt. Es gibt kein Thema, von dem Sloterdijk nicht den Bogen zum 11. September schaffen würde. Eben war er noch bei Haider, schon ist er an Ground Zero: “Man darf nicht vergessen, der 11. September ist ein Ereignis, das man in einer Unfallstatistik des Landes gar nicht wahrnehmen würde. Zwei oder dreitausend Tote innerhalb eines Tages liegen innerhalb der natürlichen Varianz.”

So redet einer, der auch eine neue “Posener Rede” schreiben könnte, wenn man ihn darum bitten würde. Und wenn der Philosoph, an dem sich nicht einmal ein Friseur in seiner Freizeit vergreifen mag, morgen von einer Dampfwalze plattgewalzt würde, wäre das für die Unfallstatistik ebenso unbedeutend wie für die natürliche Varianz der Philosophie, in der die einen kommen, während die anderen gehen. Allerdings - auch der Denker mit der Vokuhila-Frisur, der zwei bis dreitausend Tote wegsteckt wie andere eine gebührenpflichtige Verwarnung wegen Parkens im Halteverbot, hat menschliche Regungen. Er macht sich Sorgen darüber, “was derzeit auf amerikanischen Universitätscampus passiert”. Es ist “ein Wahnsinn: regierungskritische Äußerungen werden als vaterlandsverräretisch indiziert. Das sind ungeheuerliche Vorgänge, protofaschistische Materialien, die im Großen zu einem Realfaschismus zusammengesetzt werden”.

Da die Amis nicht merken, was bei ihnen daheim gespielt wird, muss Sloterdijk es ihnen sagen. Zwei bis dreitausend Tote innerhalb eines Tages liegen innerhalb der natürlichen Varianz des schwatzenden Schmieranten, ungeheuerlich ist nur das, was derzeit auf amerikanischen Universitätscampus passiert.

Die Analyse ist super, nur an der Pluralbildung müsste er noch ein wenig arbeiten.

HMB, Wien, 27.11.o2

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