Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

28.12.2007   21:48   +Feedback

Rupert und die Schwarze Liste

Bald ist es 40 Jahre her, dass der Aktionskünstler, Kommunarde und Ströbele-Gehilfe Dieter Kunzelmann die Deutschen von ihrem “Judenknacks” heilen wollte und zu diesem Zwecke mitgeholfen hat, eine Bombe im jüdischen Gemeindezentrum in Berlin zu plazieren. http://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Kunzelmann Seitdem hat es viele Anläufe und Vorschläge gegeben, wie man das deutsch-jüdische Verhältnis “normalisieren” und zugleich die Juden dazu bringen könnte, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen, so wie es die Deutschen getan haben, indem sie seit 1945 keine Beiträge mehr an die NSDAP leisten. Der neueste Aktionsplan stammt von dem ehemaligen Journalisten Rupert Neudeck, der sich seinerseits auf einen “guten Freund” namens Paul Oestreicher bezieht, der Deutscher und Jude war, bevor er Brite und Anglikaner wurde. Aber irgendwie ist er noch immer ein gefühlter Jude und deswegen macht er sich Gedanken über den Antisemitismus, vor allem darüber, wie Israel durch seine Politik den Judenhass fördert. Das liest sich dann so:

= Ein guter Freund, Paul Östreicher, ein ehemaliger Deutscher, deutscher Jude, der jetzt in Großbritannien als Kanonikus arbeitet, hat mir gesagt: Ihr Deutschen seid immer merkwürdig! In der Zeit des Nationalsozialismus kannten meine Eltern doch viele Deutsche, die das nicht wollten, was da mit uns geschah und was an Menschenrechtsverletzungen geschah, aber sie hatten Angst, als Philosemiten angesehen zu werden, deshalb haben sie das sein gelassen, was sie tun wollten oder sollten. Und heute ist es genau umgekehrt. Heute denken viele Deutsche, sie dürfen das nicht tun oder denken, weil sie dann Antisemiten sind, also schon wieder Feigheit. Wir müssen uns endlich von diesen Ängstlichkeiten und von dem mangelnden Mut befreien. Wir müssen aufhören, feige zu sein. =

Da Rupert auf An- und Abführungszeichen verzichtet, ist nicht klar, wo der Östereicher aufhört und der Neudeck weitermacht. Klar ist nur, dass Rupert das richtig findet, was Östereicher an Stuss von sich gibt oder geben möchte, ohne Angst zu haben, als bekloppt angesehen zu werden. Jedenfalls gelingt ihm die bis dato originellste Erklärung, wie es zum Holocaust kommen konnte: Weil die Deutschen Angst davor hatten, als Philosemiten zu gelten. Und so haben sie sich für das kleinere Übel entschieden, die Kohns und Kahns in Ruhe abreisen lassen, hinterher deren Möbel und Porzellan unter Protest arisiert und nur extrem widerwillig Kleiderpakete aus Dachau und Treblinka angenommen. Und das alles nur, weil sie in der Tiefe ihrer Herzen eigentlich Philosemiten waren, aber zu feige, sich zu bekennen. Heute dagegen sind sie zu feige, sich als Antisemiten zu outen. Und so wie Kunzelmann 1969 die Deutschen aufgefordert hat, sich endlich von ihrem “Judenknax” zu befreien, um “unseren simplen Philosemitismus zu ersetzen durch eine eindeutige Solidarität mit Al Fatah, die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat”, so ruft Neudeck mit der Stimme von Oestreicher den Deutschen heute zu: “Wir müssen uns endlich von diesen Ängstlichkeiten und von dem mangelnden Mut befreien. Wir müssen aufhören, feige zu sein.” Seit 1969 haben viele Deutsche ihren “Judenknax” überwunden, aber eben noch nicht alle. Wer so irrlichtert, der glaubt auch daran, dass man vom Küssen schwanger wird und dass zu viel Handarbeit zu Rückenmarkschwindsucht führt. Aber Neudeck glaubt noch viel mehr: Dass es eine “Schwarze Liste” gibt, auf der sein Name steht und dass sein vorletztes Buch deswegen ein Flop wurde:

= Das war in der Tat eine richtig Schwarze Liste, auf der ich stand und deshalb ist das Buch nirgendwo in den allgemeinen Medien besprochen worden. Es ist nirgendwo eine Verkaufskampagne gewesen. Deshalb hat der Verleger auch darunter gelitten. Der Verlag ist jetzt auch eingegangen. Den Melzer Verlag gibt es gar nicht mehr. =

Die viel einfachere Erklärung, dass er ein Buch geschrieben hat, das niemand lesen wollte, und dass er es einem Verleger anvertraut hat, der sich auf unlesbare und unverkäufliche Bücher spezialisiert hat, diese Erklärung kommt Neudeck nicht in den Sinn. Zu gern würden wir erfahren, wer die Schwarze Liste führt und wo man sie einsehen kann, aber auch diese Information bleibt uns Neudeck schuldig. Was wir dagegen zwischen den Zeilen lesen, ist die erfreuliche Nachricht, dass Neudecks Buch dazu beigetragen hat, den Melzer Verlag in die Pleite zu treiben. Es gibt eben nicht nur Kollateralschäden sondern auch Kollateralnutzen. Oder wie es schon im Brief des Paulus an die Römer heißt: “Laßt uns Böses tun, damit Gutes entsteht.”

Und hier als Zugabe noch ein bemerkenswert blöder Text von Paul Oestreicher über die Ursachen des aktuellen Antisemitismus: http://www.guardian.co.uk/israel/comment/0,,1713545,00.html

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