Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

22.09.2010   23:13   +Feedback

Unter dem Strich

Der Ausgang der Parlamentswahl in Schweden sorgt auch in der Bundesrepublik für Irritationen. Die Kommentatoren fragen, ob der Wahlerfolg der “Rechtspopulisten” das “Ende des schwedischen Modells” sein könnte, ob Xenophobie und Islamophobie nun auch im “traditionell liberalen Schweden” Einzug halten würden. Wie schon bei den Wahlen in Dänemark und Holland und bei dem Minarett-Referendum in der Schweiz haben die Wähler nicht so entschieden, wie es die deutschen Experten für multikulturelles Zusammenleben gerne gesehen hätten. Keine Frage: Der europäischen Integration wäre gedient, wenn sich die Wähler - innerhalb und außerhalb der Bundesrepublik - zurückhalten und das Votum den Fachleuten in den Feuilletons überlassen würden.

Ein schönes Beispiel für die kryptowissenschaftliche Mischung aus Arroganz und Ignoranz, die autoritär und interdisziplinär auftritt, stand neulich in der SZ. Es war ein Text von Bernd Henningsen, Professor für Skandinavistik an der Humboldt-Universität in Berlin, über “Rechtspopulisten in Skandinavien”,  dort “wo Westergaard zu Hause ist”.
Kurt Westergaard, dies nur zur Erinnerung, ist jener dänische Karikaturist, der Mohammed mit einer Bombe im Turban gezeichnet hat. Seit fünf Jahren lebt er unter Polizeischutz und kann unbegleitet nicht mal vor die Tür seines Hauses in Aarhus treten. Als er neulich Potsdam besuchte, um dort einen Preis entgegenzunehmen, war die Stadt im Ausnahmezustand. Es galt die gleiche Sicherheitsstufe wie bei einem Besuch von Hillary Clinton.

Dem Skandinavisten Henningesen, den die SZ ihren Lesern als “den führenden Vertreter seines Fachs in Deutschland” vorstellt, ist das wurscht. Er nimmt an etwas anderem Anstoss: “Muss eigentlich jeder Unfug, der einem so im Leben einfällt, unter den Schutz der Meinungsfreiheit gestellt werden? Ja, sagen die bestallten Meinungsmacher, die mit ihrer Meinung Geld verdienen müssen. Ja, sagen Angela Merkel und Joachim Gauck, anlässlich der Potsdamer Preisverleihung an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard. Kunst oder Nicht-Kunst, schön oder hässlich, klug oder dumm: Was zählt, ist allein das hohe Gut der Meinungsfreiheit: Alles muss raus.”

Henningsen jedenfalls ist kein vom wem auch immer “bestallter Meinungsmacher”,  und er muss mit seiner Meinung auch kein Geld verdienen, denn er ist ein Professor, genau genommen: ein Honorarprofessor, und das ist ein Titel ohne Mittel. Er suggeriert das Gegenteil von dem, was er wirklich ist: eine Professur, die ihrem Inhaber Ehre aber kein Honorar einbringt. Vermutlich deswegen ist er auf Nebentätigkeiten eingewiesen, z.B. einen Artikel in der Abteilung “Außenansicht” in der SZ. Und da räsoniert er dann über die Konsequenzen, die “das hohe Gut der Meinungsfreiheit” mit sich bringt.

“Wieso kann ein Karikaturist und politisch naiver Mensch im säkularisierten Europa zu einem Märtyrer werden? Welche Auswirkungen hat der Meinungsfreiheits-Fundamentalismus auf die politische Kultur, vielleicht auch die in anderen Ländern und Milieus?”

Nein, ich habe mich nicht vertippt und Sie haben sich nicht verlesen. Henningsen spricht wirklich über den “Meinungsfreiheits-Fundamentalismus”, der das friedliche Zusammenleben gefährdet, weil diejenigen, die keine Meinungsfreiheit haben oder haben wollen, sich über jene aufregen, die von ihr Gebrauch machen. “Eine Ehrung von Kurt Westergaard ist eine Ehrung für Jyllands-Posten, ist eine Ehrung für die Dänische Volkspartei, ist eine Ehrung für das xenophobische Milieu in Dänemark und Skandinavien.” So stolpert der führende Vertreter des Faches Skandinavistik vom Hölzchen aufs Stöckchen, um schliesslich beim “Blutzoll” anzukommen, den die von “Jyllands-Posten” veröffentlichten Karikaturen gefordert haben: “Der darauf folgende weltweite Protest hat bis Anfang 2006 insgesamt 139 Menschen das Leben gekostet, Botschaften gingen in Flammen auf, die dänische Industrie erlitt Millionenverluste in den arabischen Ländern.”

Ja, man muss schon ein “Honorarprofessor” sein, um es so sachlich und täterneutral zu formulieren.

Ich habe den zuständigen Redaktor der SZ gefragt, ob er sich für diese Kolumne nicht schämen würde. Er antwortete, sie sei “gegen den Strich” gemeint gewesen. Doch “manchmal kommt dann ‘unter dem Strich’ heraus”.

C: Weltwoche 38/10

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