Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

16.11.2011   16:02   +Feedback

Die Erfindung der jüdischen Theologie

Falls Sie in diesen aufgeregten Tagen, da eine Krisenmeldung die andere jagt, nach etwas Positivem suchen, das sie erbauen und erfreuen könnte, dann besorgen Sie sich die neueste Ausgabe der Zeitschrift “Kescher”, herausgegeben vom Abraham Geiger Kolleg AN der Uni Potsdam. Sie enthält nicht nur, über das Heft verstreut, mindestens acht Aufnahmen des Leiters der Einrichtung, Rabbiner Walter Homolka, darunter gleicht zwei beim Händedruck mit Papst Benedikt XVI., schon das Titelblatt ist eine Sensation. “Ministerin Kunst bekennt sich zur jüdischen Fakultät”, steht da, eine Nachricht auf die wir alle seit dem Fall der Mauer, ach was, seit der Zerstörung des Zweiten Tempels gewartet haben. Worum geht es? Der von Ehrgeiz expandierende Homolka möchte sein “An-Institut”, das Geiger-Kolleg, in ein vollwertiges Universitäts-Institut umwandeln, am besten gleich in eine jüdisch-theologische Fakultät. Die Brandenburgische Wissenschaftsministerin Sabine Kunst scheint dem Projekt gegenüber aufgeschlossen; sie hat gegenüber dem Landtag erklärt, “dass sie einer solchen Fakultät mit Sympathie gegenüberstünde” und nicht ausgeschlossen, “dass die Fakultät bis Ende 2012 entstehen kann”.

Das aber ist Homolka erstens nicht schnell und zweitens nicht verbindlich genug. Also legt er im Editorial der aktuellen Kescher-Ausgabe nach und schreibt, er “habe dem Ministerpräsidenten am Freitag geschrieben, dass wir gerne in Brandenburg bleiben möchten und dass er sich bitte für die Gründung der Fakultät einsetzen möge”. Gleichzeitig habe der den Ministerpräsidenten, “wie vorher bereits die Wissenschaftsministerin, darüber informiert, dass alternativ Sondierungsgespräche mit anderen Universitäten stattfinden; allen voran der Universität Erlangen-Nürnberg”.

Das ist etwa so, als würde ein Bräutigam seinen Heiratsantrag mit der Bemerkung verbinden, die Braut sollte nicht zu lange überlegen, er habe da noch andere Eisen im Feuer. Solche Vorgänge öffentlich zu machen, während die Verhandlungen laufen bzw. noch gar nicht richtig angefangen haben, ist - sagen wir es höflich - ziemlich ungewöhnlich. Im normalen Geschäftsleben würde man von Nötigung sprechen. Der drohende Unterton ist in der Tat nicht zu überhören. Er hoffe, schreibt Homolka, “dass man in Brandenburg die Chance erkennt, 200 Jahre nach dem Preußischen Emanzipationsedikt durch eine jüdisch-theologische Fakultät ‘die Emanzipation zu vollenden’ (Abraham Geiger)”.

Das nun ist gleich Unsinn in zweifacher Ausfertigung. Erstens und völlig unabhängig davon, was Geiger gesagt und wie er es gemeint hat: Emanzipation ist “work in progress”, sie ist nie vollendet. Zweitens: Es gibt keine jüdische Theologie. Rabbiner sind, im Gegensatz zu Priestern, Pfarrern und Pfaffen, keine Theologen, sondern Juristen, Rechtsgelehrte. Ihr Gesetzbuch ist die Thora, die Ausführungsbestimmungen stehen im Talmud. Die Erfindung der “jüdischen Theologie” durch Reformjuden Anfang des 19. Jahrhunderts war der Versuch, das Judentum dem Christentum anzupassen. Wie die Verlegung des Schabbat auf den Sonntag und die Einführung des Deutschen als Gebetssprache.

Um zu begreifen, wie das Judentum funktioniert, muss man kein “Theologe” sein. Es ist ganz einfach. Die gläubigen Juden beten für die Ankunft des Messias und leben nach den 613 Geboten und Verboten des Judentums; die säkularen tun alles, damit der Messias nicht kommt. Sie essen nicht koscher, fahren am Samstag Auto und gehen lieber ins Cafe als in die Synagoge. Diese Arbeitsteilung hat sich seit einigen Tausend Jahren bewährt.

Homolka aber geht es um mehr. Er möchte gerne Dekan (oder wie man den Chef nennt) der neuen jüdisch-theologischen Fakultät werden. In dem Sammelsurium seiner Posten und Titel ist noch ein Plätzchen frei. Also muss flugs eine Fakultät her, um die Emanzipation des Judentums - wenigstens in Brandenburg - zu vollenden. Dabei wird die Emanzipation vom Judentum erst vollendet sein, wenn es vollständig von Konvertiten übernommen wurde, die sich in jüdischer Theologie auskennen aber vom Judentum keine Ahnung haben.

Siehe auch:
“Man gefährdet sich gegenseitig, wenn übersehen wird, dass das, was man in Potsdam will, seit 30 Jahren in Heidelberg existiert und ständig gewachsen ist”, sagt Johannes Heil und verweist auf seine neun Lehrstühle für jüdische Studien und ein weltweites Netzwerk von Kooperationspartnern. http://www.rnz.de//zusammenheidelberg/00_20111109064509_Konkurrenz_fuer_Juedische_Studien_.html#comment

Permanenter Link

Achgut  Wissen  

Die Achse des Guten