Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

01.03.2007   18:59   +Feedback

Von nix ne Ahnung, aber die Klappe immer weit auf

Unsere Korrespondentin für Queens, Brooklyn und die Hamptons, Belinda Cooper, hat an den Kinder-Stürmer in Kreuzberg und dessen Judenreferenten einen Leserbrief geschickt, den die Zeitung weder bestätigt noch abgedruckt hat. Hier ist er:

An die taz und Daniel Bax, betr: Jews v. Jews, 21.2.2007

In seinem kurzen Beitrag hat Daniel Bax es geschafft, sich mehrerer deutscher Lieblingsklischees über amerikanische Juden zu bedienen. Als jüdische Amerikanerin möchte ich einiges richtig stellen. Erst einmal ist das American Jewish Committee kaum der „wichtigste Interessenverband“ der amerikanischen Juden, obwohl es zweifelsohne eine wichtige Organisation ist, die unter anderem mit der Wahrung verschiedener Verfassungsrechte beschäftigt ist – und dies nicht nur für Juden. Die amerikanisch-jüdische Gemeinde unterstützt hunderte, vielleicht tausende von „Interessenverbänden“, die ein breites Spektrum an Standpunkten, Meinungen, und Aktivitäten repräsentieren – unter anderem das Jewish Labor Committee, die Anti-Defamation League, das Israel Policy Forum, die Union of American Hebrew Congregations, den American Jewish Congress, B’nai B’rith, AIPAC, Hillel, die Jewish Alliance for Justice and Peace, die Americans for Peace Now, die Zionist Organization of America, den National Council of Jewish Women, das Joint Distribution Committee, Hadassah und den New Israel Fund, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. (Vielleicht hat Herr Bax von all diesen nicht gehört. Ich schlage vor, er recherchiert erst die Gemeinschaft, über die er schreibt.)

Zweitens, Tony Judts Rede im polnischen Konsulat in New York wurde nicht von „proisraelischen Protestgruppen“ verhindert. Vielmehr haben die Vertreter zweier großer jüdischer Organisationen – wie schon mehrfach berichtet wurde – sich telefonisch bei dem Konsulat über den Vortrag erkündigt. Es wurde dem polnischen Konsul anscheinend erst dann klar, dass der Vortrag kontrovers sein könnte, und er hat ihn daraufhin abgesagt. (Der Konsul beschrieb die Anrufe als „sanften Druck,“ was immer dies bedeuten mag. Es ist nicht ganz klar, was er von den Organisationen befürchtete. Oder vielleicht wollte der Konsul eines Landes, das noch immer seine eigenen Probleme mit Antisemitismus hat, einfach etwas vorsichtiger sein, wenn es um jüdische Themen geht, was eigentlich ein positiver Ansatz wäre.) So schön stereotyp und einfach es vielleicht ist, von einer vagen jüdischen „Bedrohung“ auszugehen: Der Konsul wurde weder bedroht noch wurden irgendwelche Proteste angesagt. Diese Fakten hätte Herr Bax sehr leicht herausbekommen können.

Drittens, ich kann in den USA keinen „Alleinvertretungsanspruch des organisierten Berufsjudentums“ feststellen. Kein amerikanischer Jude wird gezwungen, den größeren jüdischen Organisationen irgendeinen Tribut zu zollen, keine von diesen Organisationen maßt sich an, alle amerikanischen Juden zu vertreten, und keiner wird davon abgehalten, Kritik an diesen Organisationen zu üben. Es stimmt, kritische Juden werden auch selber kritisiert – das gehört aber zur politischen Auseinandersetzung in einer Demokratie und ist vollkommen legitim. Wenn man als öffentliche Figur mit kontroversen Meinungen in die Öffentlichkeit geht, muss man erwarten, seine Meinungen auch verteidigen zu müssen. Tony Judt, Tony Kushner und Richard Cohen (die von Herrn Bax erwähnt wurden) sind wortgewandt und können sich sehr wohl wiederum gegen Kritik behaupten.

Die jüdischen Gemeinden Deutschlands und Englands mögen anders sein als die amerikanische – sie sind kleiner, erleben mehr Druck von außen und haben von daher eine andere Erfahrung und andere Institutionen. In den USA aber gibt es keine Einheitsgemeinde. Wenn man anderer Meinung ist als die größeren jüdischen Organisationen, hat man mehr als genug Alternativen.

Die amerikanisch-jüdische Gemeinde ist eine lebendige, dynamische Gemeinde, deren sechs Millionen „Mitglieder“ (im amerikanischen, nicht im deutschen Sinne: eine offizielle Mitgliedschaft gibt’s nicht) eine große Vielfalt an diversen, oft entgegengesetzten Meinungen vertreten. Es ist irritierend zu sehen, wie oft diese Vielfalt von den deutschen Medien in eine Karikatur verwandelt wird.

Mit freundlichen Grüßen
Belinda Cooper
World Policy Institute, New York

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