Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

23.09.2007   13:30   +Feedback

Im Würgegriff des Deutschlandfunks

Haben Sie sich gestern abend zufällig den Musikantenstadl im Ersten angetan? Ich habe es getan, etwa 1o Minuten lang. Zuerst dachte ich: Das muss die Strafe für Auschwitz sein, aber so eine grausame Kollektivstrafe darf es doch nicht geben, zumal drei Viertel aller Deutschen, die heute leben, nach 1945 geboren wurden.  Mir wurde schwarz vor Augen und als ich wieder aus einer kurzen Ohnmacht aufwachte, schaltete ich auf KABEL 1 um, wo gerade John Carpenters “Das Ding aus einer anderen Welt” anfing, ein Horrorfilm aus dem Jahre 1982. Danach schaute ich mir noch “Rhea M. - Es begann ohne Warnung”, einen Gruselklassiker von Stephen King aus dem Jahre 1985 an, in dem Monstertrucks und Baumaschinen Amok laufen. So hatte ich den Musikantenstadl bald vergessen und konnte ruhig und fest schlafen. Der Alptraum kam erst heute früh, genau um 6.o5; Stefan, der letzte Woche bei mir war, hatte vergessen, den Radiowecker abzuschalten. Und so wurde ich von einem Kommentator des Deutschlandfunks geweckt, mit einem Beitrag über die Lage im Nahen Osten: “Im Würgegriff Tel Avivs - Der Gazastreifen als Spielball israelischer Politik”.  Wieso Tel Aviv, dachte ich, müßte es nicht Jerusalem heißen?  Hat der RIAS Jerusalem immer noch nicht als die Hauptstadt Israels anerkannt? Oder ist die Regierung über Nacht von Jerusalem nach Tel Aviv gezogen und ich habe es nicht mitbekommen, weil ich Carpenter und King sehen mußte?

Dass die Ortsangabe kein Versehen war, wurde mir beim Hören des Beitrags klar. Hören Sie mal mit, es sind nur 4 Minuten und 14 Sekunden:
http://ondemand-mp3.dradio.de/podcast/2007/09/23/dlf_20070923_0605_b8df35de.mp3

Super-Stück, nicht wahr, das Meisterwerk eines Sesselpupsers, der Dank der Gnade der späten Geburt die Gelegenheit verpaßt hat, Papiere für das RSHA zu schreiben, wie sich die Welt aus dem Würgegriff der Weltjudentums befreien könnte. Jetzt versucht er es über die Gaza-Schiene. Am besten finde ich den Satz: “... die amerikanische Außenministerin Rice, welche sich Israels Feindschaft gegen die Hamas sofort zueigen machte…”  Der Mann hat eben M&W gelesen und weiss, wie die “Israel-Lobby” funktioniert. Ohne die Einflüüüüüsterungen aus Tel Aviv hätte sich Frau Rice vermutlich sofort die Liebe der Hamas zu Israel zueigen gemacht.

Sehr hübsch ist auch der Satz: “Das Einzige, was seither (der Machtübernahme durch die Hamas) in Gaza Konjunktur hat, ist der Widerstandskampf, das heißt die Nadelstiche mit Kassamraketen, oft gegen benachbarte israelische Ortschaften wie Sderot…” Sie haben sich nicht verhört, der Typ redet wirklich von “Nadelstichen”. Und er fährt fort: “Für die Israelis bringt das vor allem Irritation und Unsicherheit im Volk, etwa 2.ooo Raketenschläge in den letzten zwei Jahren haben weniger als zehn Todesopfer gefordert.” Und dann macht sich der Mini-Klausewitz aus Schöneberg Gedanken, was es bedeuten würde, wenn die Hamas statt der “primitiven Kassam-Geschosse” Katjuscha-Raketen mit großen Reichweiten einsetzen könnte. Die Folgen wären schlimm, nicht für die an “Irritationen” gewohnten Israelis, sondern für die Palästinenser, die jetzt schon unter der israelischen “Dauerbesetzung” zu leiden haben. 

Was macht man mit einem Kretin, der 2ooo Anschläge als “Irritationen” bezeichnet, weil es “weniger als zehn Todesopfer” gegeben hat?  Objektiv hat er ja Recht, der Einsatz von Zyklon B war viel effektiver, dagegen sind zehn Tote bei 2ooo Anschlägen in zwei Jahren echt nur Peanuts, über die sich nur aufregen kann, wer zufällig selber von einer der primitiven Kassam-Raketen erwischt wurde. Wer will, dass die “Nadelstiche” und die “Irritationen” aufhören, muss ein Ende der “Dauerbesetzung” fordern. Es reicht nicht, dass Israel sich aus Gaza zurück zieht, es muss auch das Gebiet zwischen Gaza und Westbank räumen.

Übrigens: Heute um 13.3o läuft im DLF ein Gespräch mit Arno Lustiger, der Auschwitz, Buchenwald und noch ein paar andere renommierte Besserungsanstalten überlebt hat. Wie überall in Deutschland stehen tote Juden auch beim DLF hoch im Kurs, Überlebende bekommen eine ehrenvolle Sonderbehandlung, nur diejenigen, die sich heute nicht umbringen lassen wollen, die werden abgemahnt, wegen ein paar Nadelstichen nicht die Contenance zu verlieren.

Siehe auch:
http://www.ori.uzh.ch/1001nachricht/referenten/kocher.html

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