Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

29.09.2007   16:10   +Feedback

Ein Bekenner läßt die Hosen runter, nachweislich

Man soll eine Geschichte nicht mit dem Ende anfangen, aber manchmal muss man es tun, vor allem dann, wenn die Pointe so großartig ist wie in diesem Fall. Sie finden in den folgenden zwei Absätzen alles, was das moderne antisemitische Syndrom ausmacht: Die aggressive Abwehr des Offensichtlichen, das fröhliche Bekenntnis zum “Antizionismus”, der mit “Antisemitismus” nichts gemein hat, nicht einmal die Objekte seiner Begierde, den klassischen Rekurs auf jüdische Zeugen - früher hatte jeder Antisemit jüdische Freunde, heute hat jeder Antizionist ein paar Alibi-Juden im Buchregal - und schließlich die brennende Liebe zu toten Juden, verbunden mit der Frage: “Was wären wir ohne sie?”; als Zugabe den Klassiker, dass Juden, pardon: Zionisten, am Antisemitismus schuld sind. Denn der Antisemit agiert nicht, er reagiert nur. Nur selten bekommt man die Gelegenheit, ein kulturelles Karzinom in einer solchen Klarheit besichtigen zu können.

Was in diesem Kontext ebenfalls einmalig ist: Die Produzenten und Verbreiter eines Ressentiments beanspruchen das Definitionsmonopol über das Ressentiment. Man würde es Kinderschändern nicht überlassen, den Begriff “Kindesmißbrauch” zu definieren, so wie man Vergewaltigern nicht die Freiheit einräumen würde, darüber zu verfügen, wo Vergewaltigung anfängt. Wenn es aber um Antisemitismus geht, klagen Antisemiten das Recht ein, in eigener Sache entscheiden zu können. Wie ein Quartalssäufer,der im DT schreit, er lasse sich nicht als Alkoholiker verunglimpfen.

Lesen Sie die folgenden Sätze und überlegen Sie mal, vom wem sie stammen könnten. Kleiner Tipp: der Autor hat einen Dr. vor dem Namen.

= Antisemitismus ist eine rassistische Kategorie, die in all den Jahrhunderten der jüdischen Diaspora seit Kaiser Trajan bis hin zum Holocaust Millionen von Juden das Leben gekostet hat. Der Zionismus ist nachweislich eine rassistisch-politische Kategorie seit Theodor Herzl, was sich durch zahllose Zitate bis hin zu Ben Gurion, Golda Meir, Menachim Begin, Ariel Sharon etc. belegen lässt. Antisemitismus ist etwas ganz anderes als Antizionismus oder „Antiisraelismus“... Der Zionismus ist nämlich nachweislich die ideologische und politische Basis für die Politik des Staates Israel seit seiner Gründung im Jahr 1948. Der Zionismus in seiner aktuellen Erscheinungsform erzeugt in Wirklichkeit eben jenen Antisemitismus, dem er ansonsten überall und zu recht entgegentritt, weil viele Menschen zwischen „Juden“, „Zionisten“ und „Israelis“ eben nicht (mehr) unterscheiden können oder wollen…
Zum Antizionismus und Antiisraelismus bekenne ich mich freimütig…, weil es dafür gute Gründe gibt.(Siehe dazu Pappe, Avneri und Zuckermann) Deshalb bin ich noch lange kein Antisemit… Ich schreibe seit Jahren an einem Buch mit dem Titel „Deutsche Juden - was wären wir ohne sie?“ War etwa der deutsche Jude Erich Fried mit seinem berühmten Gedicht „Höre, Israel!“ auch primär, sekundär oder nur tertiär Antisemit? =

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