Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

04.06.2009   10:13   +Feedback

Rabbis für die Berliner Republik

Mitten in meiner karibischen Idylle erreicht mich die Einladung zu einem wichtigen Event in Berlin. Das Abraham-Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam wird am 18. Juni „zum zweiten Mal nach der Schoa in Deutschland wieder akademisch geschulte Rabbiner und erstmals auch einen Kantor ordinieren, und zwar in der Synagoge Ryke-Straße in Berlin-Mitte, der größten Synagoge Deutschlands“. Wie schön, werden Sie jetzt vielleicht sagen, dass wieder akademisch geschulte Rabbiner in Deutschland ordiniert werden, zum zweiten Mal nach der Schoa, in der größten Synagoge der Republik. Das zeigt doch, dass die Juden in Deutschland wieder angekommen sind und angenommen werden.

Man kann es so sehen. Man kann sich aber auch darüber wundern, dass die Frage, ob es in Deutschland einen Bedarf an Rabbinern und Kantoren gibt, überhaupt nicht gestellt wird. Ob nicht vielleicht Deutschlehrer dringender gebraucht würden, die den aus Russland eingewanderten Juden die Landessprache beibringen sollten. Spiritueller Beistand und Anleitung beim Erlernen der Kaschrut-Regeln mögen wichtig sein, noch wichtiger wäre freilich praktische Hilfe im Alltag. Für die freilich sind nicht die am Geiger-Kolleg akademisch geschulten Rabbiner und Kantoren zuständig, sondern ganz normale deutsche Sozialarbeiter, die zwar guten Willens aber meistens überfordert sind, weil sie sich nicht nur um die russischen Juden sondern auch um die Wolgadeutschen, die Siebenbürger Sachsen, die Migranten aus Anatolien und um schwer erziehbare autochthone Jugendliche kümmern müssen. Dafür werden sie zwar bezahlt aber nicht gefeiert, und schon gar nicht „ordiniert“.

Deswegen hat die Einladung zu der Feier am 18. Juni nicht nur einen schalen Beigeschmack sondern auch einen pompösen Unterton: Zum zweiten Mal nach der Schoa… akademisch geschult… in der größten Synagoge Deutschlands…! Wenn an irgendeinem katholischen Seminar ein paar Priester für den Missionseinsatz in Afrika ordiniert würden, wäre das ein Non-Event, und wenn die Feier im Kölner Dom stattfinden würde. Vor dem Hintergrund der Schoa freilich wird aus einer kleinen Sause eine Mega-Party. Aber wenn Sie nur das aseptische Wort „Schoa“ durch „Endlösung der Judenfrage“ ersetzen,  kommt der morbide Charme des Vorhabens zum Vorschein. Zum einen wird eine Rückkehr zum Status quo ante suggeriert, zu der Zeit vor Hitler, vor Auschwitz, als es in Deutschland nicht nur koschere Metzgereien sondern auch Rabbiner-Seminare gab, zum anderen wird ein Sieg angezeigt: Schaut alle her! Es werden wieder Rabbiner ordiniert! In Deutschland! Zum zweiten Mal nach der Schoa! Damit wird die Wiederherstellung der Normalität simuliert. Wir haben es also mit einem Fall von retroaktiver Suggestion und aktueller Simulation zu tun. Der Pomp, mit dem die Normalität inszeniert wird, zeugt freilich vom gemeinen Gegenteil. Die Juden sind nach wie vor Exoten, die wie Freaks in einer Roadshow vorgeführt werden. Zu der Ordination werden „700 Gäste aus ganz Europa, Israel, Südafrika und den USA“ erwartet, nach der Feier in der größten Synagoge Deutschlands wird in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin, die ebenfalls sehr groß, wenn nicht gar die größte aller Landesvertretun-gen ist, der Abraham-Geiger-Preis an den Theologen Prof. Hans Küng verliehen. Der wiederum hat sich für die Auszeichnung vermutlich damit qualifiziert, dass er die Juden für „eine Weltmacht“ hält. Die Laudatio auf Küng hält der Präsident des Bundestages, Norbert Lammert. Alles super oder wie es die Kids heute sagen: echt geil.
Wie in Berlin üblich, werden nicht nur 700 Gäste aus ganz Europa an den Feierlichkeiten teilnehmen, sondern wohl auch die Spitzen der Berliner Gesellschaft, bis zum Promi-Friseur Udo Walz und der Schauspielerin Iris Berben, die soeben für ihr mutiges Auftreten in Talkshows mit einem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde.

Von der materiellen Grundlage des Auflaufs, der „Schoa“, wird keine Rede sein, dafür umso mehr von der Notwendigkeit, „jüdisches Leben“ zu fördern und zu bewahren. Und damit nix schief geht, wird die Synagoge in der Rykestraße von einem Riesenaufgebot an Polizisten beschützt werden. Und irgendwo werden ein paar frisch ordinierte Rabbiner stehen und fragen: „Lieber Gott, warum tust du dir das an?“

Erschienen in DIE WELTWOCHE vom 4.06.2009

 

 

  


 

 

  


 

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