Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

20.08.2009   01:37   +Feedback

Royals In The Club

Rachel hat in der Science-Section der NY Times gelesen, dass geistige Aktivität kombiniert mit körperlicher Ertüchtigung am besten geeignet wäre, Alzheimer vorzubeugen. “Du kommst mit”, sagt sie - in dem Tonfall, mit dem jüdische Mütter Flüsse bergauf strömen lassen. Eine halbe Stunde später sind wir im Boston Sports Club, Rachel hat hier ein Abo, ich fülle eine Gästekarte aus. Unter “future goals” trage ich ein: “Losing weight”. Während Rachel zu ihrer Pilates-Gruppe verschwindet, schaue ich mich in der großen Gym-Halle um. Da stehen Dutzende von Geräten, an denen Frauen und Männer arbeiten, ohne sich gegenseitig auch nur anzusehen. Jeder schwitzt für sich allein. Früher musste Torquemada noch seine Knechte ansetzen, jetzt besorgen die Kunden alles selber. Ich suche mir ein Laufband aus, drücke auf Start und laufe los. Die Frau rechts neben mir ist mindestens 70, die links neben mir höchstens 30, sie läuft nicht, sie rennt, das Gesicht von Schmerz verzerrt, den Blick geradeaus gerichtet. Wenn ich noch einmal nach links oder rechts schaue, werde ich wahrschenlich wegen sexueller Belästigung rausgeschmissen, also mach ich das TV-Gerät über dem Laufband an und zappe mich von “Jerry Springer” über “The Price Is Right” und den übrigen Mittags-Schrott, bis ich schliesslich bei den “Desperate Housewives” lande. Die Folge kenn ich schon, aber das macht nichts, ich kann von den Mädels aus der Mystery Lane nicht genug bekommen. http://lizsiegel.blogspot.com/
Ich laufe und laufe, ohne mich von der Stelle zu bewegen, “das Nichts dreht sich auf vollen Touren” (HD Hüsch), die Frau rechts neben mir wischt sich immer wieder den Schweiss ab, die links neben mir setzt zum Endspurt an. Ich schau nicht “Desperate Housewives”, ich bin mitten unter ihnen. Dann bringe ich Rachel heim und fahre zu “Shaw’s”, um mich zu erholen. Es gibt nichts Schöneres, als in einem klimatisierten Super-Supermarkt spazieren zu gehen, den einen Gang rauf, den anderen runter.
Darübe würde ich gerne mal was in der Science-Section der NY Times lesen.

 

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