Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

09.12.2009   10:20   +Feedback

Schwachmaten und DiPLOmaten

Vor fast auf den Tag genau drei Jahren, am 15.11.2006 erschien in der Frankfurter Rundschau das >Manifest der 25 - Warum die “besonderen Beziehungen” zwischen Deutschland und Israel überdacht werden müssen> (http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Israel/manifest.html), verfasst und in die Welt gesetzt von einer Gruppe deutschsprachiger Politologen, Friedensforscher und Konfliktberater, die bis jetzt noch keinen einzigen relevanten Konflikt gelöst haben und deswegen mit dem Nahen Osten anfangen mussten. Wie in solchen Fällen üblich, wurde erst die Lage in Palästina vor dem Hintergrund europäischer Geschichte analysiert, dann wurden Wege aus der Krise angeboten.

Dabei produzierten die akademischen Wünschelrutengänger überraschende Einsichten. Z.B. diese: “Es ist der Holocaust, der das seit sechs Jahrzehnten anhaltende und gegenwärtig bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Leid über die (muslimischen wie christlichen und drusischen) Palästinenser gebracht hat. Das ist nicht dasselbe, als hätte das Dritte Reich einen Völkermord an den Palästinensern verübt. Aber zahllose Tote waren auch hier die Folge…”

Oder diese: “Vielleicht hilft es sich vorzustellen, wie in der gegenwärtigen Situation wohl die vielen Intellektuellen, Schriftsteller, Künstler und Musiker jüdischer Herkunft von Adorno über Einstein, Freud und Marx bis zu Zweig reagiert hätten, auf die wir so stolz sind und ohne die die deutsche Kultur und der deutsche Beitrag zur Wissenschaft um so vieles ärmer wären. Wir sind überzeugt, dass sie den folgenden Satz unterschreiben würden: Nur Gleichheit und Respekt vor Recht und Völkerrecht können ein friedliches Zusammenleben gewährleisten und sind die einzigen Garanten für eine dauerhafte Existenz des Staates Israel und des zukünftigen Staates Palästina in Sicherheit - und für die Sicherheit von Juden und Jüdinnen bei uns und in aller Welt.”

Die Knalltüten-Prosa endete mit dem Satz: “Es darf daher nichts unterlassen werden, was geeignet ist, diesen neuen Ost-West-Konflikt abzubauen - im Äußeren wie im Inneren. Dies und das Eintreten für die Menschenrechte, wo und durch wen immer sie verletzt werden, sind wir den Opfern des Nationalsozialismus schuldig.”

Wie in solchen Fällen ebenfalls üblich, blieb der Aufruf ohne Folgen, wenn man davon absieht, dass sich seine Verfasser und Verbreiter anschließend wohler fühlten als vorher, hatten sie doch eine Seance mit Adorno, Einstein, Freud, Marx und Zweig (Arnold, Max oder Stefan?) abgehalten und etwas für ein “friedliches Zusammenleben” der Völker im Nahen Osten getan.

Drei Jahre nach den Schwachmaten melden nun “24 ehemalige deutsche Diplomaten” in der SZ zu Wort, um ihrerseits dem Nahen Osten den Weg zum Frieden zu weisen. (http://www.sueddeutsche.de/politik/542/496853/text/) Auch sie wandeln auf ganz neuen Pfaden: “Der Nahostkonflikt ist ein Nährboden für extremistische Bewegungen, welche die öffentliche Sicherheit nicht nur in der Region selbst, sondern auch in Europa und in anderen Teilen der Welt ernsthaft gefährden.” Dabei hätte ein Blick in ein Lexikon die AA-Rentner darüber aufgeklärt, dass z.B. die Muslimbruderscshaft schon 1928 in Ägypten gegründet wurde, also vor dem Zweiten Weltkrieg, vor dem Holocaust und vor der Gründung Israels. Und dass es den Muslimbrüdern nicht darum geht, Konflikte zu lösen, sondern sie zu erzeugen: “„Allah ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Qur’an ist unser Gesetz. Dschihad ist unser Weg. Sterben auf dem Wege Allahs ist unsere größte Hoffnung.“

Aber das ist nur ein Nebenaspekt bei der Sache. Die eigentliche Frage lautet: Wenn sich schon ein paar ehemalige deutsche Botschafter zusammenrotten, um eine politische Stellungnahme abzugeben, warum nehmen sie sich nicht den Iran vor, den “Nährboden für extremistische Bewegungen”, von der Hamas über die Hisbollah bis zu Hugo Chavez? Warum müssen es wieder die Israelis und die Palis sein? Was treibt diese Kaltblüter der deutschen Intelligenzja immer wieder in die mediterrane Sonne? Eine “obsessive Besessenheit” (A.M.) mit den Juden oder einfach premortale Langeweile?

Was immer es ist: Gut, dass es ausgesprochen wurde.

 

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