Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

23.06.2010   23:56   +Feedback

Gauck!

Jeder deutsche Bundespräsident hat irgendwann in seiner Amtszeit eine Rede gehalten, in der er sagte, so wie bis jetzt könne es nicht weiter gehen, es müsse ein Ruck durch das Land gehen, die Bürger müssten mehr am politischen Geschehen beteiligt werden. Der letzte Bundespräsident, Horst Köhler, hätte es vermutlich auch getan, wenn er nicht, sogar für ihn unerwartet, vorzeitig zurückgetreten wäre. Aber anders als die Reden seiner Vorgänger, die völlig folgenlos blieben, hat Köhler mit seinem Rücktritt tatsächlich einen „Ruck“ ausgelöst. Das Volk meldet sich und will ein Wort bei der Wahl seines Nachfolgers mitreden. Nicht der von der CDU-FDP-Koalition aufgestellte Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, soll es werden, sondern der ehemalige Rostocker Pastor Joachim Gauck, von 1990 bis 2000 „Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)“.

Gaucks großes Verdienst ist es, dass die Akten der Staatssicherheit nicht im Reißwolf der Wiedervereinigung entsorgt wurden, wie es viele auf beiden Seiten der Mauer gerne gesehen hätten, die einen „Schlussstrich“ unter die Geschichte der DDR ziehen wollten. Für die einen war er ein „Spalter“, der die „innere Einheit“ verhinderte, für die anderen eine Zumutung, hatte er doch gezeigt, dass man sich in der DDR nicht anpassen und mit dem System nicht kungeln musste.

Die Ausreden der vielen Mitläufer waren nach 89 die gleichen wie nach 45: Es gab keine Alternative, man wurde gezwungen oder machte nur mit, um Schlimmeres zu verhüten. Gauck strafte alle diese Ausflüchte Lügen: Er musste einige Nachteile hinnehmen, aber nicht sein Leben riskieren. Nach dem Fall der Mauer wurde er Abgeordneter der ersten, einzigen und letzten frei gewählten Volkskammer der DDR, später Chef der „Gauck-Behörde“.

Der Ossi aus Rostock hat nicht nur die DDR unbeschädigt überstanden, er widerlegt auch alles Klischees, die an einem evangelischen Geistlichen haften. Er ist ein Charmeur und Genießer,  dem Frauen zu Füßen liegen; ein großartiger Redner, der auch in hitzigsten Debatten die Nerven nicht verliert, ein pragmatischer Moralist, der nichts von anderen fordert, wozu er selber nicht bereit wäre, unverschämt ehrlich und schamlos gradlinig.

Dass das „dumme“ Volk so einen gerne als Bundespräsidenten hätte, zeigt immerhin, dass es klüger ist als seine Vertreter, die auf einen biederen Berufspolitiker setzen. Nun geht tatsächlich ein Ruck durch das Land.

Gauck ist natürlich kein naiver Idealist. Er weiß, dass diejenigen, die ihn nominiert haben, es nicht gut mit ihm sondern schlecht mit Angela Merkel merken. Seine Wahl zum Bundespräsidenten soll das Ende ihrer Kanzlerschaft einläuten. Gauck selbst macht kein Hehl daraus, dass es ihm lieber gewesen wäre, von Angela Merkel gekürt zu werden. Aber: „So ist nun einmal das Geschäft.“

Und wenn die Kanzlerin so klug wäre, wie ihr nachgesagt wird, müsste sie jetzt noch das Steuer herumreißen, Wulff fallen lassen und Gauck zum gemeinsamen Kandidaten von Regierung und Opposition erklären. Damit würde sie Größe zeigen und ihre Gegner elegant ausbremsen.

Und das dumme Volk müsste nicht zum nächsten Schlager Grand Prix warten, um ein wenig stolz auf Deutschland sein zu können.

© Die Weltwoche, 24.6.2010

Siehe auch: Unruhe und frühes Leid
http://www.joachim-gauck.de/Aktuelles/Reden/details/100622_grundsatzrede_dt.html?pg=1

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