Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

10.06.2010   08:21   +Feedback

Eine kleine Grenzüberschreitung

Wie Sie, liebe Leser, sicher wissen, wurde der bekannteste deutsche Literaturkritiker, Marcel Reich-Ranicki, vor ein paar Tagen neunzig Jahre alt. MRR ist ein einzigartiges Exemplar seiner Spezies: ein Autodidakt, der inzwischen neun oder zehn Ehrendoktortitel bekommen, aber nie studiert hat. Ein Fossil, das lange Passagen von Thomas Mann, Heine und Schiller aus dem Kopf rezitieren kann und Bücher, die ihm nicht gefallen, mit einem Wort entsorgt: «Grässslich!» Ein herzlicher, emotionsgeladener, witziger Sprechsteller, der in druckreifen Sätzen doziert und sich gerne darüber beschwert, dass noch niemand versucht habe, ihn zu bestechen. Heute ein Elefant im Porzellanladen der Literatur, morgen eine Nagelfeile, die einen Felsbrocken zu verfeinern versucht, je nach Lust, Laune und Temperatur. Die von ihm Kritisierten können mit ihm nicht mithalten, also rächen sie sich auf ihre Weise. Martin Walser hat in einem Roman mit dem Titel «Tod eines Kritikers» seine Fantasien von der Leine gelassen, die so eindeutig antisemitisch waren, dass sogar die FAZ angewidert war. Am meisten freilich wird MRR von denjenigen gehasst, die er nicht einmal verrissen hat. Von MRR beschwiegen zu werden, ist das Schlimmste, was einem Schriftsteller passieren kann.

Und so war es richtig und angemessen, MRR zu seinem 90. Geburtstag eine besondere Ehre zu erweisen und ihm für sein Lebenswerk die Ludwig-Börne-Medaille zu verleihen. Börne (1786–1837) war der erste moderne Literaturkritiker, Wegbereiter des Feuilletons, ein Poltergeist wie MRR heute, den die einen liebten und die anderen hassten.

Die Feier für MRR fand am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche statt, dem Ort, an dem die Delegierten der ersten frei gewählten Na- tionalversammlung im Jahre 1848 die Demokratie in Deutschland zu etablieren versuch- ten. Ich war einer der Laudatoren. Und da ich ahnte, was die anderen (Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Frank Schirrmacher) sagen würden, verzichtete ich darauf, die Verdienste des Jubilars um die deutsche Literatur zu würdigen, und beschloss, sein Leben in einen Kontext mit der Aktualität zu stellen. MRR hatte zusammen mit seiner Frau Teofila das Warschauer Getto überlebt. Also sagte ich:

«Lieber, verehrter Jubilar: Noch immer vor Kühnheit zitternd, möchte ich Sie etwas fragen. Sie waren doch im Warschauer Getto. Sie haben in Ihren Erinnerungen beschrieben, wie es in diesem Vorzimmer zur Hölle zuging. Sie haben bei Ihren Lesungen die Menschen zu Tränen gerührt. Bekommen Sie nicht eine Gänsehaut, wenn im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen in Gaza von ‹Zuständen wie im Warschauer Getto› geredet wird? [. . .] Ich hätte mir gewünscht, dass Sie auf den Tisch geschlagen und ‹Grässlich!› gerufen hätten, wie Sie es so oft im ‹Literarischen Quartett› getan haben, oder ‹Unsinn!› und vielleicht dazugefügt hätten: ‹Hört auf mit diesem Quatsch. Ich war im Warschauer Getto. Ich weiss, wie es da zuging. Verglichen mit dem Warschauer Getto ist Gaza ein Club Med.›»

Mir waren diese Sätze nicht rausgerutscht, ich hatte sie mit Absicht gewählt. Und ich war nicht überrascht, dass plötzlich ein eisiger Wind durch die überheizte Kirche wehte. Gaza mit dem Getto zu vergleichen und den Israelis «Völkermord» vorzuwerfen, ist in Deutschland so normal wie der Ruf «Wehret den Anfängen» bei den Kostümfesten der Antifa. Es wäre der erste «Völkermord» der Geschichte, bei dem sich die Bevölkerung im Laufe der Zeit verfünffacht hat. Aber zu sagen, verglichen mit dem Warschauer Getto sei «Gaza ein Club Med», war doch eine kleine Grenzüberschreitung, die vielen zu weit ging, vor allem denjenigen, die Grenzüberschreitungen prima finden, wenn sie auf einer subventionierten Theaterbühne stattfinden. Provokationen und Tabubrüche sind in Deutschland sehr beliebt, aber nur so lange, wie sie niemandem wehtun und im Rahmen der Political Correctness bleiben.

Der Erste, der sich von mir distanzierte, war der Moderator des ZDF, das die Preisverleihung übertrug. Er sagte, jeder «möge für sich entscheiden, ob diese Rede zu diesem Anlass passend gewählt war». Bei den anderen Rednern hatte er sich jede Wertung verkniffen.

MRR dagegen reagierte ganz anders. Er stand auf, umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr: «Sie haben vollkommen recht.»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 23/10

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