Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

30.05.2010   15:09   +Feedback

Mit der Pferdebahn von Budweis nach Linz

Es vergeht inzwischen kaum eine Woche ohne eine Konferenz, ein Symposium oder einen Kaffeeklatsch über die “strukturellen Parallelen” zwischen der heutigen Islamophobie und dem Antisemitismus (im 19. Jahrhundert). Man müsse doch vergleichen dürfen, heisst es jedesmal, vor allem in der Wissenschaft seien Vergleiche das A und O des Procedere, wie sonst soll man Ähnlichkeiten und Unterschiede erkennen können. Das ist ohne Zweifel richtig, auch wenn gerade Akademiker auf gewisse Vergleiche sehr empfindlich reagieren, z.B. auf den zwischen einem Kuhfladen und einer Pizza Margherita, obwohl die “strukturellen Parallelen” zwischen den beiden offensichtlich sind: beide haben etwa die selbe Größe, sind rund und schmecken, wenn sie zu lange in der Sonne lagen, nach Scheisse.

Deswegen spricht im Prinzip nichts dagegen, den Antisemitismus (des 19. Jahrhunderts) mit der heutigen Islamophobie zu vergleichen. Die “strukturellen Parallelen” zwischen dem einen und dem anderen Phänomen beschränken sich ja nicht nur auf die Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft auf die Zuwanderer, sie sind auch im Verhalten der beiden Gruppen zu finden. Sowohl die Juden wie die Moslems brachten ihre Sitten und Bräuche mit. Bei den Juden waren es gefillte Fisch, gehackte Leber, Hühnersuppe mit Matzeknödeln. Bei den Moslems sind es Pita, Cous-Cous, Shoarma. Es gab bei den Juden das Institut der Zwangsehe, bei den Moslems gibt es den Brauch noch immer. Weigerte sich eine jüdische Frau, dem Willen der Familie zu folgen, wurde sie für tot erklärt, manche Moslems gehen eben einen kleinen Schritt weiter. Eines der schönsten Musicals aller Zeiten (“Anatevka”) basiert auf einem Stück von Scholem Alejchem (“Tevje, der Milchige”), in dem es genau um solche Familiendramen geht. Ebenso wie bei den Moslems gibt es auch bei den Juden “Ehrenmorde” oder zumindest die Drohung mit diesem Mittel. “Ess - oder ich bringe mich um!” ist ein Satz, mit dem jede jüdische Mutter ihr Kind mehrmals am Tag in den Wahnsinn treibt.

Alles in allem: Antisemitismus und Islamophobie liegen gar nicht so weit auseinander, wenn man die beiden Phänomene nur in die richtige Perspektive bringt. Aus großer Entfernung betrachtet, sehen auch die Zugspitze und der Wilseder Berg, die höchste Erhebung in der Lüneburger Heide, gleich hoch aus.
Allerdings: Es gibt noch eine weitere Analogie, die bis jetzt übersehen wurde: die zwischen Alkoholismus und Antisemitismus. Auf den ersten Blick haben die beiden weniger als nichts gemeinsam. Aber schaut man genauer hin, fallen einem doch viele “strukturelle Parallelen” auf.

Zunächst einmal: Sowohl Antisemitismus wie Alkoholismus sind relative Größen. Was für den einen ein Saufgelage, das ist für den anderen gerade ein kleiner Umtrunk. Es gibt Menschen, die nach zwei Glas Verpoorten umfallen, während andere nach einer Flasche Johnny Walker noch aufrecht gehen können. “„Wenn man die zwei Maß in sechs, sieben Stunden auf dem Oktoberfest trinkt, ist Autofahren noch möglich“, sagte der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein beim Münchner Oktoberfest. Die Polizei warnte umgehend davor, seinem Rat zu folgen.

So ist es auch mit dem Antisemitismus. Kein Mensch, von weniger Ausnahmen wie David Irving, Horst Mahler und Osama Bin-Laden abgesehen, ist den ganzen Tag über Antisemit. Einige sind es nur gleich nach dem Aufwachen, andere kurz vor dem Einschlafen. Es gibt Menschen, die regen sich masslos über die “jüdische Lobby” auf, verpassen aber kein Konzert, das von Daniel Barenboim dirigiert wird. Antisemitismus ist, ebenso wie Alkoholismus, eine Frage der Dosierung, oder wie es die Amis sagen: If you can’t stand the Jews more than it is naturally. Und nicht jeder Deutsche, der den “Semit” liest, ist automatisch ein Antisemit, so wie nicht jeder Leser der National-Zeitung ein Nazi ist.

Dennoch muss eines klar sein: Den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts mit der Islamophobie von heute zu vergleichen und dabei von “strukturellen Parallelen” zu reden, ist so bescheuert, als würde man ein Lagerfeuer, auf dem Ochsen gebraten wurden, mit einem Mikrowellenherd vergleichen, weil beide dem Zweck dienen, Essen zuzubereiten. Der Antisemitismus ist schon ganz woanders und die Islamophobie, die es in der Tat gibt, äußert sich vor allem in den Statements leicht bekleideter, promisker Feministinnen, die das Recht moslemischer Frauen verteidiger, eine Burka tragen zu müssen.

Unsere Geistesgrößen aber, allen voran der Berliner Professor, der demnächst in Rente geht, klammern sich am 19. Jahrhundert fest, weil es eine so idyllische Zeit war. Man war noch mit der Pferdebahn von Budweis nach Linz unterwegs, das allgemeine Frauenwahlrecht hatte sich, mit Ausnahme von Wyoming/1869, noch nicht durchgesetzt und der Wiener Bürgermeister Karl Lueger galt als einer der schlimmsten Antisemiten der Moderne, obwohl sein Antisemitismus ein verspielter war: „Ja, wissen’S, der Antisemitismus is’ a sehr gutes Agitationsmittel, um in der Politik hinaufzukommen; wenn man aber einmal oben is’, kann man ihn nimmer brauchen, denn des is’ a Pöbelsport!“

Nach Auschwitz war der Antisemitismus etwas ermattet und brauchte eine Weile, um sich zu erholen. Sartre gehörte zu den Ersten, die erkannt hatten, dass der Antisemit den Juden nicht braucht, um sich zu entfalten. Der Philosoph Jean Amery sagte 1969: „Der Antisemitismus war einst der Sozialismus der dummen Kerle. Heute steht er im Begriff, ein integrierender Bestandteil des Sozialismus schlechthin zu werden, und so macht jeder Sozialist sich selber freien Willens zum dummen Kerl. Der Antisemitismus ist wieder ehrbar geworden, aber es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus!“ Noch deutlicher wurde der Literaturhistoriker Hans Mayer in seinem 1975 erschienen Buch über “Außenseiter”: “„Wer den ‘Zionismus’ angreift, aber beileibe nichts gegen ‘die Juden’ sagen möchte, macht sich und anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher.“

Das scheint heute nicht mehr zu gelten. Vor kurzem war der Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung im Fernsehen zu sehen, wie er vor einem antisemitisch-antizionistischen Plakat stand und folgende Sätze aus sich herauswürgte: “„Antisemitismus ist zunächst etwas Anderes als Antizionismus. Diese Plakate sind unfreundlich gegenüber Israel, deshalb müssen sie nicht antisemitisch sein, aber es ist so praktisch, alles als antisemitisch zu denunzieren, was einem nicht gefällt. Das ist das ärgste politische Schlagwort.“

Ja, dafür muss man 20 Jahre das Wesen des Antisemitismus (vor allem im 19. Jahrhundert) erforscht haben, um am Ende seiner Karriere festzustellen: “Es ist so praktisch, alles als antisemitisch zu denunzieren, was einem nicht gefällt.” Und dass Antisemitismus etwas Anderes ist als Antizionismus, das betont u.a. immer wieder auch der iranische Präsident, der sich gerne in Gesellschaft authentischer Juden aus dem 19. Jahrhundert filmen lässt, die alle so aussehen, wie Prof. Benz redet.

Siehe auch:
The Zionist regime should be eliminated, hopefully peacefully, but totally.
http://www.youtube.com/watch?v=85jSgzs9-nU&feature=related

 

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