Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

26.08.2010   00:59   +Feedback

Es liegt was in der Luft

Wenn man einer letzte Woche bekannt gewordenen emnid-Umfrage glauben darf, dann sind neun von zehn Deutschen mit der Marktwirtschaft so unzufrieden, dass sie sich eine andere wirtschaftliche Ordnung wünschen. Genau 88% der Befragten erklärten, das derzeitige System berücksichtige weder den „Schutz der Umwelt“, noch den „sorgsamen Umgang mit den Ressourcen“ oder den „sozialen Ausgleich in der Gesellschaft“ in ausreichendem Maße. Eine große Mehrheit der Bundesbürger hält immaterielle Werte wie Gesundheit, soziale Beziehungen und saubere Umwelt für wichtiger als den Wunsch nach „Geld und Besitz“.

Nun muss man Umfragen mit Vorsicht genießen. Das Ergebnis hängt weitgehend davon ab, wer sie in Auftrag gegeben hat und wie die Fragen formuliert wurden. Dass man freilich ein so klares Votum herbei manipulieren kann, erscheint unwahrscheinlich. Es liegt sozusagen in der Luft. Noch nie waren Kapitalismus, Marktwirtschaft, Leistungsprinzip so verrufen wie heute, Synonyme für Ausbeutung, Ungerechtigkeit und strukturelle Gewalt.

Dabei sind die Deutschen neuerdings nicht nur extrem kapitalismus-kritisch, sondern auch ein wenig schizophren. Ihre persönliche Lage sehen sie durchaus positiv und schauen auch optimistisch in die Zukunft, nur für die Gesellschaft im Ganzen sehen sie schwarz. Was nach einem absurden Widerspruch klingt, kann mit dem Unterschied zwischen der eigenen Erfahrung und der medialen Wahrnehmung erklärt werden.

Wann immer sie das Fernsehen einschalten, sehen sie Menschen, denen es schlecht geht und die sich darüber beklagen, dass sie von Staat und die Gesellschaft allein gelassen werden: allein erziehende Mütter, Arbeitslose, Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, die mit 359.- Euro im Monat auskommen müssen. Würde man einen Flüchtling aus Burkina-Faso gleich nach seiner Ankunft vor ein Fernsehgerät setzen und ihn da drei Tage sitzen lassen, er würde seinen Antrag auf Asyl widerrufen und darum bitten, auf eigene Kosten in seine Heimat zurückkehren zu dürfen. Sie sehen Klima-Experten, die allen Erkenntnissen zum Trotz das Ende der Welt vorhersagen, und sie sehen Manager und Unternehmer, die sich so benehmen, als hätten sie grade ihren ganzen Besitz an Mutter Teresa überschrieben.

Wozu diese Mischung aus PC-Treue und Heuchelei führt, konnte man vorletzten Sonntag bei Anne Will erleben. Debattiert wurde das Thema: „Millionäre zur Kasse – mehr Spenden, mehr Steuern, mehr Gerechtigkeit?“ Es ging, wie immer bei solchen Anlässen, um die Frage, wie man den Wohlstand umverteilen soll, um mehr soziale Gerechtigkeit herbeizuführen, also vor allem über eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Es war die erste Talk-Show seit langem, an der kein Sozialhilfeempfänger teilnahm. Abgesehen von einer amerikanischen Journalistin waren diesmal die Besserverdienenden unter sich, Firmengründer und Firmenerben, Manager und Millionäre.

Die dickste Lippe riskierten ausgerechnet zwei Neureiche, ein ehemaliger VW-Vorstand und Berater von Ferdinand Piech, der sich als PR-Berater selbständig gemacht hat; und ein ehemaliger Sonderpädagoge, der als Musikproduzent viel Geld gemacht hat und nun als Vorsitzender der „Bundesarbeitsgemeinschaft Linker Unternehmerinnen und Unternehmer“ den Kapitalismus abschaffen möchte. Zuletzt war er bei der Wahl des Bundespräsidenten mit der Bemerkung aufgefallen, die Entscheidung zwischen Joachim Gauck und Christian Wulff sei wie die Wahl zwischen Pest und Cholera, Stalin und Hitler.

Beide waren sich u.a. darin einig, dass die „Tafeln“, die Bedürftige mit Lebensmitteln versorgen, zwar Gutes tun aber keine gesellschaftlich sinnvolle Arbeit leisten würden, weil sie den Staat „aus seiner Verantwortung“ für die Armen entließen.

Und so endet in Deutschland jede Debatte nach mehr sozialer Gerechtigkeit in dem Ruf nach mehr Staat. Der soll’s richten, den Kuchen neu verteilen. Man könnte natürlich auch auf die Idee kommen, einen zweiten Kuchen zu backen, aber das wäre mit Arbeit und Leistung verbunden, der reine Wachstumsfetischismus auf Kosten der Natur und der Freizeit.
Deswegen findet die Mehrheit der Deutschen den „Schutz der Umwelt“ wichtiger als „Geld und Besitz“. Aber nur so lange wie bei ALDI die Flachbildschirme billiger als im Media-Markt angeboten wurden.

C: Weltwoche 34/10

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