Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

12.08.2010   10:34   +Feedback

Friedensbürger

Reisen bildet, sagt man, es erweitert den Horizont und fördert das Verständnis für andere Kulturen. Das stimmt nur bedingt. Deutsche Touristen, die im Ausland unter sich bleiben und ihr deutsches Ess- und Trinkverhalten auch am Fusse des Krakatau pflegen, bekommen wenig vom Gastland mit. Umgekehrt schärft es den Blick auf das eigene Land, wenn man eine Weile im Ausland war.

Ich komme gerade aus Australien. Das Land ist etwa 20-mal so gross wie die Bundesrepublik Deutschland, die Schweiz würde mehr als 180-mal in Australien hineinpassen. Ein Kanton wie Appenzell Innerrhoden wäre gerade als Parkplatz neben einer Shopping-Mall gross genug, ein Bundesland wie das Saarland hätte die Fläche einer mittleren Farm.

Es hat wohl mit der Grösse des Landes zu tun, dass die Australier höflich, hilfsbereit und zuvorkommend sind, und das in einem Ausmass, wie man es in Europa längst verlernt hat. Wer einmal zur Rushhour mit einem Vorortzug in Sydney gefahren ist, der wird sich nie mehr freiwillig in die Berliner S-Bahn setzen, nicht einmal, wenn er einen ganzen Waggon für sich hätte. Dann nämlich hätte er auch den Müll und die Graffiti ganz für sich allein, ein Genuss, der ihm in Sydney erspart bleibt.

Das sind gewiss Kleinigkeiten, aber sie machen einen grossen Teil der Lebensqualität aus. Das Erste, was mir nach der Rückkehr auffiel, war, wie dreckig der Frankfurter Hauptbahnhof ist und wie unfassbar heruntergekommen das Bahnhofsviertel. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir es nicht mehr wahrnehmen. So wie wir uns daran gewöhnt haben, dass die Züge der Deutschen Bahn unpünktlich sind, im Sommer keine Klimaanlage und im Winter keine Heizung haben und man von einem Ende des Zuges zum anderen laufen muss, um eine intakte Toilette zu finden. Wir nehmen es hin, weil uns eine Lautsprecherstimme vor jeder Station sagt: «Danke, dass Sie mit der Deutschen Bahn gefahren sind.» Als ob wir eine Alternative hätten.

Sogar nach 22 Stunden Flugdauer mit leicht gedämpfter Wahrnehmung kommt Deutschland dem Heimkehrer wie ein Dritte-Welt-Land vor, technisch rückständig, kulturell zurückgeblieben und damit beschäftigt, immer neue Euphemismen für seine Befindlichkeit zu erfinden. Die Australier finden es sehr komisch, dass Einwanderer und deren Kinder bei uns «Bürger mit Migrationshintergrund» heissen; in Australien ist es praktisch jeder, bei uns sollen es inzwischen 25 Prozent sein. Das Komische daran ist nur: Abgesehen von den Kopftuchfrauen sind die vielen «Bürger mit Migrationshintergrund» weitgehend unsichtbar. Nicht weil sie so gut integriert wären, sondern weil sie unter sich bleiben, während die Bürger ohne Migrationshintergrund ihre Fremdenfreundlichkeit unter Beweis stellen.

Wie in Augsburg, wo an jedem 8. August das «Hohe Friedensfest» gefeiert wird – zur Erinnerung an das Ende des Dreissigjährigen Krieges und die rechtliche Gleichstellung der Protestanten. Heute unterhält Augsburg einen «Runden Tisch der Religionen», der sich mit Fragen des «interkulturellen Zusammenlebens und des interreligiösen Dialogs» beschäftigt. Höhepunkt des Friedensfestes ist eine «Friedenstafel» unter freiem Himmel auf dem Rathausplatz, an der einige hundert Augsburger Bürger teilnehmen. Man sitzt an langen Tischen und teilt das Essen, das man von zu Hause mitgebracht hat, mit seinen Nachbarn. Mein Nudelsalat gegen deinen Pflaumenkuchen.

Ein schöner Brauch, gegen den nichts zu sagen wäre, wenn er nicht einem höheren Zweck dienen würde. Vertreter der Christen, Muslime, Juden und Buddhisten drücken ihre bedingungslose Entschlossenheit zum friedlichen Zusammenleben aus – als wäre der Dreissigjährige Krieg noch nicht vorbei. Dann sagt ein Festredner, noch nie habe ein Krieg zum Frieden geführt – niemand erinnert ihn daran, dass die Nazis nicht beim heiteren Sackhüpfen besiegt wurden, sondern in einer militärischen Aktion, die auch Augsburg nicht verschont hat. Das Volk will den totalen Frieden, und es will ihn um jeden Preis. In einer Stadt mit 40 Prozent Migrantenanteil, sagt ein Kirchenmann, sei Frieden am wichtigsten.

Am selben Tag sind im Irak einige Dutzend Menschen bei Anschlägen ums Leben gekommen. Wären sie nach Augsburg gekommen, um an der «Friedenstafel» teilzunehmen, hätten sie sich einiges erspart.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 32/10

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