Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

01.01.2011   22:26   +Feedback

Für eine Handvoll Beifall

Als ich noch versehentlich in Köln, der Hochburg des rheinischen Frohsinns, lebte, geriet ich eines Tages mit einem Richter am Kölner Landgericht aneinander, der für seine brutale Verhandlungsführung und seine harten Urteile berüchtigt war. Ich beschrieb ihn als “selbstgerecht, grob und unbarmherzig”, er zahlte es mir mit einer Anzeige wegen Beleidigung heim. Im Laufe des Verfahrens, das sich über mehrere Instanzen und Gerichtsorte hinzog, stellte sich heraus, dass der Richter eins schwere Kriegsverletzung hatte (“Hirnleistungsschwäche, Sehstörung und Kopfschmerzbereitschaft infolge Hirngefäßkrampfes nach Hirnverletzung, Stecksplitter im Gesicht und in der Brustwand, Bewegungseinschränkung im rechten Schultergelenk und Narbe am rechten Oberarm und rechten Oberschenkel durch Verwundung”), die ihm auch 30 Jahre nach Kriegsende zu schaffen machte. Er selbst lehnte eine ihm angebotene Versetzung in die Zivilgerichtsbarkeit mit der Begründung ab, die Strafrechtspflege wäre seiner “Gesundheit bekömmlich”.

Es ist nicht bekannt, unter welcher Art von “Verletzung” Prof. Alfred Grosser leidet, der rein äußerlich einen pumperlgesunden Eindruck macht. Den Symptomen nach zu urteilen, könnte es sich um eine Form der Megalomania handeln, “a psychopathological condition characterized by delusional fantasies of wealth, power, or omnipotence”. Was für den Kölner Landrichter damals die Strafrechtspflege war, nämlich “bekömmlich”, das ist für Grosser die “Israelkritik”, der er sich seit einigen Jahren mit Leib, Seele und Furor verschrieben hat. Seit die deutsch-französische Aussöhnung nichts mehr hergibt, die, so Grosser, nicht nur sein Anliegen sondern auch sein Verdienst war, kassiert er seine Ehren-Dividende aus einem anderen, viel größeren Projekt: dem Verlangen der Deutschen, sich mit sich selber auszusöhnen. Er ist der Zauberer, der das schlechte Gewissen der Deutschen gegenüber den Juden in ein Gefühl der moralischen Überlegenheit verwandelt - indem er den Deutschen attestiert, dass sie sehr wohl das Richtige aus Auschwitz gelernt haben, im Gegensatz zu deren Opfern, die durch alle Examina in der bekanntesten Weiterbildungsanstalt der Nazis gerauscht sind.

Damit nicht genug, sagt er den jungen Deutschen auch, unter welchen Umständen sie Auschwitz gedenken dürfen: “Wenn sie gleichzeitig für die Gleichheit der Menschen überall in der Welt eintreten, also auch für die Palästinenser.” Wer sich also nicht für die Rechte der Aborigines in Australien, der Sorben und Wenden in der Lausitz, der Rifkabylen in Marokko und der Gagausen in Moldawien einsetzt, der sollte von Auschwitz schweigen - sagt Prof. Dr. Alfred Grosser, Fachmann für angewandte Moral und postsenilen Unsinn.

Solche Sätze ruhig und sachlich zu analysieren, ist schon deswegen unmöglich, weil man damit zwei Axiome der Logik außer Kraft setzen würde. “Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist” (Kraus) und “Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er bekloppt ist” (Bohlen). In Wirklichkeit gehen Grosser die Aborigines und die Rifkabylen ebenso am Arsch vorbei wie die Bürgerrechtler in Russland, die Kopten in Ägypten oder die Bahai im Iran, die er alle souverän ignoriert, weil deren Leiden nicht auf das Konto der Juden gehen. Ihn interessieren nur die Palästinenser. Das heisst, die interessieren ihn nur so weit, wie er sich auf deren Kosten als “kritischer Jude” profilieren kann. Allerdings: Grossers Judentum ist so dünnflüssig wie sein Wissen über den Nahostkonflikt. Ivan Rebroff hatte mehr von einem Kosaken in sich als Grosser von einem Juden.

Grossers Gebrauchswert liegt darin, dass er seinen Groupies genau das sagt, was sie von ihm hören wollen: Dass die Juden schuld am Antisemitismus sind. Das entlastet die Antisemiten und gibt ihnen eine Legitimation, dem Antisemitismus und den Juden zugleich auf den Leib zu rücken.

Grosser ist nicht der erste jüdische Antisemit, der es sich in einer Nische am Kaminfeuer des Judenhasses gemütlich eingerichtet hat. Aber unter all den erbärmlichen Figuren in der jüdischen Hall of Shame der Gegenwart, von Norman Finkelstein bis Tony Judt s.A., von Ilan Pappe bis Hajo Meyer, ist er eine der erbärmlichsten. Ein Scheinriese, eitel, selbstgefällig und für eine Handvoll Beifall zu jedem Liebesdienst bereit.

Siehe auch:
http://cicero.de/97.php?ress_id=7&item=5684
http://www.derwesten.de/nachrichten/Islamfeindlichkeit-wird-geschuert-sagt-Grosser-id4036323.html

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