Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

08.05.2011   01:52   +Feedback

Anne und der 8. Mai

Man kann von Anne Will halten, was man will, eines muss man ihr lassen: Ein Gefühl für perfektes Timing. Heute debattiert sie mit ihren Gästen über eine Frage der Moral:
“Bin Ladens Liquidierung - darf man sich darüber freuen?” Er war ja immerhin schon 54, unbewaffnet und Familienvater. Seine Beteiligung an den Anschlägen der Al-Kaida ist bis heute unbewiesen. Es gibt nur seine eigenen “Geständnisse”, die er als Videobotschaften verbreitet hat. Sonst nichts, keinen Fingerabdruck, keine Spur einer DNA. Und man weiss ja, dass sich nach jedem Banküberfall “Trittbrettfahrer” zu Wort melden, die gerne ins Fernsehen möchten.

Es könnte also eine spannende Diskussion werden, wofür schon die Teilnahme von Herta Däubler-Gmelin garantiert, die sich als Justizministerin aus dem Amt kippte, nachdem sie bei einer Wahlkampfveranstaltung gesagt hatte: “Bush will von seinen innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken. Das ist eine beliebte Methode. Das hat auch Hitler schon gemacht.” Das war sogar Gerhard Schröder zu viel.

Da trifft es sich gut, dass über Osamas Abgang an einem Tag debattiert wird, der für die Deutschen von besonderer Bedeutung ist. Es ist der Tag, an dem das Dritte Reich seinen Geist aufgab. Bis heute wird darüber gestritten, ob es ein Tag der Befreiung oder ein Tag der Niederlage war. Und ob man sich darüber freuen darf, dass Deutschland besiegt wurde. Denn ganz mit rechten Dingen ging es dabei nicht zu. Die Parallelen zwischen den Ereignissen in Abbottabad Anfang Mai 2011 und denen in Berlin Anfang Mai 1945 sind in der Tat frappierend. In beiden Fällen haben die Amerikaner ihre Überlegenheit rücksichtslos ausgespielt. Sie hatten es auf einen älteren, gebrechlichen Vegetarierer und Junggesellen abgesehen, der sein Versteck nicht verlassen konnte. Dabei wurden sie von Verrätern geholfen. Und sie haben die Souveränität eines Landes missachtet. Damals wie heute.

Insofern ist der Tag richtig gewählt. Nur das Thema hätte etwas anders lauten müssen: “Darf man sich über das Ende des Dritten Reiches und den Tod von Reichskanzler Hitler freuen?” Zwar wurde der Führer, anders als Osama, nicht von einem US-Kommanado liquidiert, aber er wurde in den Tod getrieben, ohne die Chance auf ein faires Verfahrens. Und so wie es keinen objektiven Beweis dafür gibt, dass Osama für die Verbrechen von Al-Kaida verantwortlich ist, so wird bis heute vergeblich nach dem Führerbefehl zur “Endlösung der Judenfrage” gesucht. Ja, es gibt sogar Historiker, die überzeugt sind, dass Hitler von der Endlösung nichts wusste, dass sie hinter seinem Rücken durchgeführt wurde und dass er, als er erfuhr, was passiert war, aus Verzweiflung darüber Selbstmord beging.

Das ist der emotional-vegetative Hintergrund, vor dem die Osama-Debatte geführt wird. So war es auch schon, als Saddam Hussein gefasst und einer “entwürdigenden Behandlung” unterzogen wurde. So kann man doch nicht mit einem Führer umgehen! So bleiben das Völkerrecht und der Respekt vor dem politischen Gegner auf der Strecke. Und vergessen wir nicht: Es sind immer die Amis, die sich in die inneren Angelegenheiten eines Landes einmischen und Unheil stfiften. Damals, heute und immer wieder.

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