Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

05.05.2011   11:34   +Feedback

High Tech und Kundendienst

Neulich bin ich von Berlin nach Göttingen gefahren. Natürlich mit der Bahn. Nothing to ­write home about, wenn die Fahrt nicht statt der planmässigen zwei Stunden und zweiundzwanzig Minuten über vier Stunden gedauert hätte. Kurz vor Wolfsburg blieb der Zug stehen. Es gebe ein Problem mit der Oberleitung, sagte der Zugführer; offenbar hatten bis zu diesem Zeitpunkt nur Dampfloks auf der Strecke verkehrt. Nach etwa einer halben Stunde gab der Zugführer bekannt, die Reparatur würde sich noch etwas hinziehen. Wer rauchen wolle oder müsse, der solle sich zum Wagen neun begeben, da habe man eine Tür ins Freie aufgemacht.

Als er eine weitere halbe Stunde später erklärte, als «Entschädigung» gebe es im Speise­wagen kostenlos Kaffee, Tee und Wasser, ahnte ich, dass die Reparatur noch eine Weile dauern würde. Meine Ahnung bestätigte sich, als eine Zugbegleiterin anfing, Formulare an die Reisenden zu verteilen. Bei Verspätungen von mehr als einer Stunde erstattet die Bahn 25 Prozent des Fahrpreises.

In Göttingen angekommen, wollte ich die Sache schnell hinter mich bringen. Das gehe nicht, erklärte die Bahn-Mitarbeiterin am Schalter vier, sie müsse das Ticket einbehalten, und ich brauchte es doch, um nach Berlin zurückzufahren. Meinen Vorschlag, eine Fotokopie zu erstellen, wies sie als ungeeignet zurück. Ich war unterwegs zu einer Veranstaltung mit Günter Grass und entsprechend schlecht gelaunt. Noch eine emotionale Baustelle konnte ich mir nicht leisten. Also gab ich nach.

Am Abend fuhr ich zurück nach Berlin. Diesmal hatte der Zug nur dreissig Minuten Verspätung, war also extrem pünktlich. Ich ging zur Reisestelle und legte mein Ticket mit Formular vor. Die Bahn-Mitarbeiterin am Schalter sieben schaute sich beide Beweismittel sorgfältig wie ein Kriminalist eine Tatwaffe an und fragte, ob ich den Betrag überwiesen oder in bar haben wollte. «Bar bitte», sagte ich. Dann rechnete sie eine Weile und händigte mir schliesslich 9.25 Euro aus – mit einem Gesichtsausdruck, als hätte ich ihr Sparschwein geschlachtet.

Ja, mit der Technik hapert es in Deutschland noch ein wenig, aber der Service ist ausgezeichnet.
Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 18/11

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