Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

18.03.2011   23:20   +Feedback

Hetero! Na und?

Letzte Woche hatte ich Besuch aus Orlando/Florida; ein Geschäftsmann, der auf der Internationalen Tourismus Börse zu tun hatte. Er war lange nicht mehr in Berlin gewesen, wollte wissen, wie sich die Stadt entwickelt habe und lud mich zum Frühstück in das Swissotel am Kudamm ein. Normalerweise stehe ich nie vor zehn Uhr auf, diesmal machte ich eine Ausnahme. Der Mann hatte eine lange Reise hinter sich und das Frühstück im Swissotel ist in ganz Berlin weltberühmt.

Ich parkte mein Auto in der Tiefgarage, setzte meinen roten Türkenfez auf und nahm den Lift in die Lobby, wo ich schon von Mr. Michael erwartet wurde. Niemand würdigte mich eines Blickes, nur der Besucher aus Orlando schaute, als habe er gerade eine Erscheinung gehabt. An der Tür zum Restaurant nannte er seine Zimmernummer, während ich die Empfangsdame fragte: “Servieren Sie auch halal?” - “Ich werde mich erkundigen”, antwortete sie. Kaum saßen wir an unserem Tisch, brachte sie einen Teller mit Putenfleisch. Ich nahm den Fez ab und sagte: “Willkommen in Berlin, Mr. Michael!”

Zwei Stunden später rollte ich wieder durch die Stadt, in die Leonhardstraße, wo es einen Laden (“Broken English Berlin”) mit britischen Spezialitäten gibt. Am Stuttgarter Platz sah ich ein Plakat, das ich bis dahin noch nie gesehen hatte. Eine junge Frau im Arztkittel, mit einer Kappe auf dem Kopf und Gummihandschuhen an den Händen, darunter der Spruch: “Ich bin lesbisch. Und Berlin steht hinter mir!” Im ersten Moment dachte ich, RTL2 startet eine neue Dokusoap über lesbische Artzhelferinnen, bis mir an der nächsten Ecke ein weiteres Plakat auffiel: Ein junger Mann in blauer Montur, der sich die Hände abwischt, darunter der Spruch: “Ich bin schwul. Und Berlin steht hinter mir!”

Wieder daheim gab ich den Spruch bei Google ein und landete beim “Bündnis gegen Homophobie”, das gerade eine “Akzeptanzkampagne gegen Homophobie im Berufsleben” gestartet hatte, unterstützt von “über 30 Berliner Unternehmen und Organisationen”. U.a. der Berliner Bank, dem Berliner Polizeipräsidenten, der Berlin Tourismus Marketing GmbH, dem Präsidenten der Akademie der Künste, dem Geschäftsführer des Berliner Roten Kreuzes und dem Chef der Berliner Stadtreinigung. Sie alle gaben “Testimonials” ab, wie man sie z.B. aus der Fielmann-Werbung kennt. Das originellste Statement lieferte die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Lala Süßkind, ab. Bei der Kampagne gehe es darum zu erreichen, “dass Homosexuelle als das akzeptiert werden, was sie sind, nämlich als Menschen!”

Das ist eine erstaunliche Erkenntnis, von deren Richtigkeit man sich täglich überzeugen kann. In keiner anderen Stadt in Deutschland werden Schwule und Lesben dermaßen “akzeptiert” wie in Berlin; der beste Beweis dafür ist, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit an seinen Leistungen und Versäumnissen gemessen wird und nicht an seinen sexuellen Vorlieben. Den Berlinern zu sagen, sie sollten Lesben und Schwule “als Menschen” akzeptieren, ist so sinnvoll und zielführend, als würde man den Münchnern sagen, sie sollten Trachtenträger und Dirndlträgerinnen mit Respekt behandeln.

Die nach allen Seiten hin menschelnde “Akzeptanzkampagne” unterschlägt, auf wessen Konto die meisten “homophoben” Übergriffe gehen. Es sind vor allem Jugendliche mit “Migrations-hintergrund”, die es auf die “schwulen Schweine” abgesehen haben. Aber das auszusprechen wäre politisch ebenso unkorrekt, wie es politisch korrekt ist zu sagen, am Arbeitsplatz und beim Umgang mit Ämtern dürfe “niemand wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert” werden. Und es kostet nichts.

Vielleicht muss die ganze Sache neu durchdacht werden. Es gibt in Berlin eine Unzahl von Regenbogen-Cafes und Regenbogen-Geschäften, einmal im Jahr feiert die ganze Stadt den Christopher Street Day mit einer Gay Pride Parade. Bald sind es die Heteros, die sich ausgegrenzt und diskriminiert fühlen könnten. Wäre es nicht endlich Zeit für eine Hetero-Pride-Parade? Oder für eine “Akzeptanzkampagne”, bei der Männer und Frauen bekennen: “Ich bin hetero. Und Berlin steht hinter mir!”

Vor kurzem hat das erste “Gay Boutique Hotel” in Berlin aufgemacht. Das”Axel” wirbt damit, es sei “heterofriendly”. Das ist schon mal ein guter Anfang. Niemand sollte wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden.

© Weltwoche, 11/11

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