Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

27.10.2011   15:59   +Feedback

Tor und Eigentor

Deutschland gilt unter Historikern als eine “verspätete Nation”. Erst mit der von Bismarck erzwungenen Reichsgründung 1871 war die Zeit der Kleinstaaterei vorbei. Und obwohl Pünktlichkeit traditionell zu den deutschen “Sekundärtugenden” gehört, halten es die Deutschen mit der Regel, lieber etwas zu spät als zu früh zu kommen.

Außenminister Westerwelle wartete erst einmal den Ausgang der ägyptischen Revolution ab, reiste dann nach Kairo und liess sich auf dem Tahrir-Platz wie ein Befreier feiern: „Hier wird ein Stück Weltgeschichte geschrieben“, rief er den Massen zu, als hätte er persönlich die Feder geführt.

Einige Wochen später flog er mit einer Bundeswehrmaschine nach Bengasi, um aus der Hochburg der Rebellen heraus den libyschen Diktator Gaddafi aufzufordern, seinen “Krieg gegen das eigene Volk” sofort zu beenden. Bei der vorausgegangenen Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über einen Militäreinsatz gegen Gaddafi hatte sich Deutschland freilich der Stimme enthalten und die Arbeit den Nato-Partnern England, Frankreich und den USA überlassen.

Und nun berichtet der SPIEGEL, der Bundesnachrichtendienst habe schon seit Wochen gewusst, wo sich Gaddafi in seiner Heimatstadt Sirt versteckt hielt. Ein Sprecher des BND dementierte umgehend. Man habe nicht gewusst, dass Gaddafi an jenem Tag in Sirt war. Die kleine sprachliche Unklarheit erinnert an die deutsche Taktik zu Beginn des Irak-Krieges im Jahre 2003. Trotz der klaren Absage des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder, sich an diesem Krieg zu beteiligen, versorgten freie Mitarbeiter des BND die Amerikaner mit Informationen aus Bagdad. Deutsche Soldaten waren an Bord der Awacs-Aufklärungs-flugzeuge, die über dem türkisch-irakischen Grenzgebiet eingesetzt wurden. Das sei reine “Bündnisroutine innerhalb der Nato”, hiess es damals, zudem seien die Flugzeuge “unbewaffnet”. Was so viel bedeutete wie: Wir erkunden nur die Ziele, den Rest machen die anderen.

Es stimmt eben nicht, dass das Leben jene bestraft, die zu spät kommen. Es belohnt diejenigen, die erst einmal abwarten, wohin der Ball rollt, um dann umso lauter “Tor!” zu schreien.

© Die Weltwoche, 26.10.11

Permanenter Link

Achgut  Ausland  Inland  

Die Achse des Guten