Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

08.03.2012   05:43   +Feedback

Christian und Beate

Zwei Deutsche stehen derzeit im Fokus des öffentlichen Interesses wie sie verschiedener nicht sein könnten,  zumindest auf den ersten Blick: der zurück getretene Bundespräsident Christian Wulff und die „Nazijägerin“ Beate Klarsfeld, die seine Nachfolge antreten möchten. Das Einzige, das sie zu verbinden scheint, ist die Tatsache, dass die eine mit aller Macht dahin drängt, wo der andere ausziehen musste. Schaut man aber genauer hin, merkt man, wie viel sie gemeinsam haben: Sowohl Wulff wie Klarsfeld sind Proto-Deutsche, denen nichts peinlich ist.

Jede Epoche steht unter einem eigenen Motto. Unter Bismarck war es die Parole: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“, im Dritten Reich „Kraft durch Freude“, in der frühen Bundesrepublik „Wohlstand für alle“, seit den 80er Jahren ist es: „DAS STEHT MIR ZU!“ bzw. „DARAUF HABE ICH EINEN ANSPRUCH!“ Ein Satz, den jedes deutsche Kind schon im Kindergarten lernt und bis an das Ende seiner Tage in einem Altersheim immer wieder von sich gibt. Das „Anspruchsdenken“ der Deutschen hat nichts mit Leistung zu tun, die allein erziehende Mutter, die vom Staat alimentiert wird, praktiziert es ebenso wie der Pauschal-urlauber, der zur Happy Hour Champagner am Pool trinken möchte.

Christian Wulff reicht es nicht, nach nicht einmal zwei Jahren im Amt einen „Ehrensold“ von 199.000.- Euro jährlich zu beziehen, also das Fünffache des Betrags, den ein „vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich“ verdient, er möchte auch als Ex-Präsident ein Büro zur Verfügung haben, das den Steuerzahler weitere 280.000.- Euro jährlich kosten soll. Denn er wünsche „die gleiche Behandlung wie die vier anderen noch lebenden Ex-Staatsoberhäupter“.

Frau Klarsfeld wiederum findet, sie habe eine „Anerkennung“ verdient, weil sie vor 44 Jahren einen Kanzler geohrfeigt und damit die Bundesrepublik vor einem Rückfall in den Faschismus bewahrt habe. Und weniger als das Präsidentenamt dürfe es nicht sein, sie habe schließlich lange genug gewartet.

Zwei ganz verschiedene Deutsche, wie sie gleicher nicht sein könnten.

Erschienen in der Weltwoche, 8.3.12

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