Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

22.12.2011   19:03   +Feedback

Es geschieht nichts Gutes, außer man tut es

Rede zur Verleihung des Ehrenpreises der DIG am 8.12.2011 in Aachen

Meine Damen und Herren, liebe El-Al-Vielflieger, liebe Freunde der israelischen Weine, der Jerusalemer Altstadt und des Tel Aviver Nachtlebens! Sehr geehrte Bürgermeister, Landräte, Rabbiner, Sponsoren und Honoratioren!

Ich danke Ihnen für die Auszeichnung, die Sie mir heute verliehen haben. Ich hätte mich, so steht es in der Preisbegründung, „unmissverständlich, jederzeit, national wie international für das Existenzrecht des Staates Israel in international anerkannt gesicherten Grenzen eingesetzt“.

Zudem hätte ich „stets für faire und enge deutsch-israelische Beziehungen plädiert - auf der Basis gegenseitiger Toleranz“.

Nun, Toleranz ist meine Sache nicht, ich bin der Ansicht, dass viele der Probleme, mit denen wir es derzeit zu tun haben, eine Folge der Toleranz sind, die wir praktizieren, und dass wir mehr Intoleranz brauchen, wenn wir das, was unser Leben lebenswert macht, erhalten wollen. In repressiven Gesellschaften, in denen alles verboten war, das nicht ausdrücklich erlaubt war, ging der Ruf nach Toleranz der Emanzipation voraus: der Frauen, der Juden, der Homosexuellen, der Kriegsdienstverweigerer, kurzum der Anderen, die sich dem Diktat der Anpassung nicht fügen wollten.

In permissiven Gesellschaften, in denen alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist, muss man wieder Intoleranz praktizieren, wenn man die individuelle Freiheit und die kollektive Sicherheit nicht verlieren will. Intoleranz gegenüber der Banalität der Guten, die alle Konflikte am Runden Tisch lösen wollen und die Existenz des Bösen leugnen; Intoleranz gegenüber den Verharmlosern und Verniedlichern, die jede Tat und Untat mit ihren sozio-kulturellen Rahmenbedingungen erklären und den Täter zum Opfer gesellschaftlicher Umstände stilisieren; Intoleranz gegenüber den Relativierern, die zum Beispiel auf die Nachricht, dass vor kurzem eine Frau wegen Hexerei in Saudi-Arabien geköpft wurde, mit der Bemerkung reagieren, die Zeit der Hexenverfolgung sei auch im christlichen Europa noch nicht lange vorbei.

Nachdem wir das geklärt haben, möchte ich etwas zu meinem Einsatz für das Existenzrecht Israels sagen.

Ich bin kein Idealist. Ich mag keine Idealisten, sie sind mir suspekt. In jedem Idealisten, der es gut meint, wartet ein Fanatiker darauf, von der Leine gelassen zu werden. Im Namen von Idealen sind mehr Verbrechen begangen, mehr Menschen vom Leben zu Tode befördert worden als im Namen von Esso, Shell, Texaco, Unilever, DuPont, Krupp und Coca-Cola zusammen genommen. Man wird vergeblich nach einem Massenmörder suchen, von Hitler bis Stalin, von Mao Tse Tung bis Pol Pot, von Carlos bis Breivik, der nicht ein “Idealist” gewesen wäre.

Indem ich mich, wie Sie es sagen, für das Existenzrecht Israels einsetze, vertrete ich sehr bewusst meine eigenen Interessen, vor allem mein Interesse nach Sicherheit. Die meisten Juden, die in der Diaspora leben, sind überzeugt, dass Israel sie braucht. Also machen sie zweimal im Jahr Urlaub in Tel Aviv, spenden ab und zu etwas für einen Kindergarten in Sderot und lassen sich auf dem Ölberg begraben. Das ist der real existierende Zionismus, eine Art Spaß für die ganze Familie. Dabei käme Israel auch ohne die Almosen aus der Diaspora gut über die Runden. Wir sind es, die Israel brauchen, wir, die Juden in der Diaspora, nicht als eine Rettungsinsel für den Notfall, über den keiner spricht aber auch niemand ausschließen kann, sondern als Garant für die weitere Existenz der Diaspora. Klingt absurd, ist aber so.

Wenn es Israel nicht gäbe, wären nicht nur die Antizionisten am Ziel ihrer Träume, auch die ganz gewöhnlichen Antisemiten würden auftrumpfen. Israel dient als Blitzarbeiter und als Firewall, es zieht den Furor der Antizionisten auf sich und sorgt allein dadurch, dass es da ist, dafür, dass sich die Antisemiten nicht zu weit aus der Deckung wagen. Hätte es Israel schon 1939 gegeben, wären die Nazis kaum auf die Idee gekommen, die Endlösung der Judenfrage in Angriff zu nehmen. All die hübschen Kartenhäuser, in und zwischen denen es wir uns gemütlich eingerichtet haben - die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die rituale zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und zum Jahrestag der Kristallnacht - würden lautlos in sich zusammenbrechen.

Ich erinnere Sie nur an die deutsche Haltung im Jom Kippur Krieg 1973, als Israels Überleben an einem dünnen Faden hing. Da erklärte sich die Bundesrepublik für “neutral” und untersagte es den Amerikanern, militärischen Nachschub für Israel über deutsche Häfen zu verschiffen. Zugleich erklärte der von Gewissensbissen geplagte Bundeskanzler Willy Brandt, eine “Neutralität der Herzen” könne es nicht geben und bot “humanitäre Hilfe” für den Fall an, der eingetreten wäre, wenn die Araber gewonnen hätten. Humanitäre Hilfe. Die Bundeswehr hätte Decken und Milchpulver in das Kriegsgebiet geflogen und ein paar jüdische Vollwaisen wären von christlichen Einrichtungen in Deutschland aufgenommen worden. Das wäre die humanitäre Hilfe gewesen, ein Ausdruck der besonderen historischen Verantwortung und der herzlichen Verbundenheit zwischen Bonn und Jerusalem.

So lange es Israel gibt, können die Juden in Europa und in Deutschland vor sich hindösen, Museen bauen, Mahnmale absegnen, Toleranzpreise an Politiker verleihen und das Gefühl genießen, eine Dauerfete auf einem Friedhof zu feiern.

Was mich angeht: Ich komme mir etwas seltsam dabei vor, einen Preis dafür zu bekommen,  dass ich mich für das Existenzrecht Israels einsetze. Es ist, als würde ich einen Preis dafür bekommen, dass ich an einer roten Ampel halte, meinen Müll nicht vor der Tür meiner Nachbarn entsorge und meine Frau nicht verhaue, für das Selbstverständliche also. Außerdem hat noch niemand einen Preis dafür bekommen, dass er sich für das Existenzrecht Belgiens, Mazedoniens oder Transnistriens eingesetzt hätte. Sich aber für das Existenzrecht Israels einzusetzen, ist offenbar so außergewöhnlich, dass es mit einem Preis belohnt werden muss.

So etwas gilt in der Bundesrepublik bereits als Nachweis von Zivilcourage, weswegen auch Iris Berben, wie ich erst vor kurzem erfahren habe, mit diesem Preis geehrt wurde, Kommissarin Rosa Roth, deren Einsatz für Israel im wesentlichen aus der Ankündigung bestand, zum Judentum überzutreten, falls Israel angegriffen würde, ein Ernstfall, der bis jetzt - gelobt sei der Herr - nicht eingetreten ist.

Wenn sie, meine Damen und Herren, aber glauben, damit genug getan zu haben, muss ich Ihnen widersprechen. Ob sie mir oder Mutter Beimer einen Preis geben, ist für die Existenz Israels so irrelevant wie der Wasserstand des Rheins bei Königswinter für die Stimmung am englischen Hofe. Relevant ist etwas anderes: Dass sie denjenigen, die Israels Existenzrecht bestreiten, die das Land delegitimierten und dämonisieren, die nicht müde werden zu behaupten, Israel behandle die Palästinenser so wie die Nazis die Juden behandelt haben, die von der Erfindung des jüdischen Volkes sprechen, die Hamas und Hisbollah für humanitäre Organisationen halten, die man unterstützen müsse, dass sie denjenigen, die all das und noch mehr tun, in die Parade fahren, mit Wort und Tat. Und da, fürchte ich, ist ihre Leistungsbilanz suboptimal.

Hier in Aachen gibt es eine Organisation, die alljährlich den Aachener Friedenspreis verleiht. Unter den Preisträgern waren bis jetzt mindestens zwei engagierte Antisemiten: Der israelische Hochstapler und Titelbetrüger “Prof. Dr.” Reuven Moskowitz und der Kölner Rentner Walter Herrmann. Moskowitz, der Felix Krull der israelischen Friedensbewegung, hatte sich selbst zum “Doktor” promoviert, mit einer Arbeit über „Deutsche und Juden zwischen der Macht des Geistes und der Ohnmacht der Gewalt”, die bei einem mysteriösen Einbruch in sein Arbeitszimmer abhanden gekommen und auch sonst nirgendwo zu finden war.

Als der Schwindel aufflog, strich der Aachener Friedenspreis den fiktiven Doktortitel post festum aus der Verleihungsurkunde, sah aber keinen Anlass, dem Mann den Preis abzuerkennen. Denn Reuven Moskowitz, ein oft gebuchter Gast an Schulen, evangelischen und katholischen Akademien, Volkshochschulen und anderen Einrichtungen der Erwachsenenbildung, ist als Kronzeuge gegen Israel unentbehrlich. Als Jude, der den Holocaust überlebt hat, als friedensbewegter Israeli, der sich mit den Palästinensern solidarisiert, war und ist er der Prototyp des guten Juden, der den linken “Israelkritikern” als Alibi dient, ein nützlicher Idiot, der das ausspricht, was sie denken.

Der andere Antisemit, der mit dem Aachener Friedenspreis geehrt wurde, ist ein ehemaliger Lehrer namens Walter Herrmann, in Köln inzwischen so bekannt und beliebt wie der Halve Hahn, 4711, Tünnes und Schäl. Seit Jahren präsentiert er auf der Kölner Domplatte eine “israelkritische Installation”, die wie eine Sonderausgabe des „Stürmer“ anmutet. Darin wird Israel nicht nur als Nachfolger des Dritten Reiches dargestellt, es wird auch die Frage gestellt, wie lange sich die Welt noch von den “Zionisten” erpressen lassen will. Der Kölner OB und sämtliche im Rat der Stadt Köln vertretenen Parteien haben sich von dieser “Installation” distanziert, aber weder das Kölner Ordnungsamt noch die Kölner Justiz sehen sich in der Lage, etwas zu unternehmen. Sogar eine Karikatur, auf der ein Jude ein vor ihm auf dem Teller liegendes palästinensisches Kind mit Messer und Gabel traktiert, wurde von der Kölner Staatsanwaltschaft als nicht antisemitisch und strafrechtlich unbedenklich bewertet.

Erlauben Sie mir, in aller Demut, eine Frage: Was haben Sie dagegen unternommen? Aachen liegt ja nicht weit von Köln. Ich weiß, was die deutsch-israelische Gesellschaft Köln und die Kölner jüdische Gemeinde unternommen haben: Nichts, denn beide halten sich an die Devise: Nur nicht provozieren, der Antisemit könnte böse werden. Und dann wird alles noch viel schlimmer.

Unweit von Aachen, in dem Eifeler Dorf Sötenich, lebt eine Frau, die mit einer Arbeit über Franz Kafka promoviert und danach beschlossen hat, Jüdin zu werden. Eine „israelkritische“ deutsche Jüdin, die sich für die Sache der Palästinenser einsetzt. Damit schaffte sie in kurzer Zeit eine erstaunliche Medien-Karriere. Zuletzt war sie in Monitor zu sehen, eine “jüdische” Jean d’Arc mit Kopftuch, inmitten Unmengen gebrauchter Klamotten, die sie für die Not leidenden Kinder von Gaza gesammelt hatte. Die rotten noch heute in einer Scheune vor sich bin, derweil frau Dr. Edith Lutz eine neue Friedensinitiative ins Leben gerufen hat. Es wäre nett gewesen, wenn sich jemand von Ihnen des Falles angenommen hätte, anstatt zu warten, dass ich es tue.

So erleben wir eine Allianz von Möchtergern-Juden, Hochstaplern und nützlichen Idioten, die im Kostüm der “Israelkritik” antreten, um ein uraltes Ressentiment in einer neuen Verpackung zu vermarkten. Mit Kritik an Israel hat das so viel zu tun wie Kannibalismus mit Feinschmeckerei. Was sie antreibt, ist derselbe Wunsch, der Antisemiten immer angetrieben hat: Dass der Jude verschwinden möge. Diesmal ist es Israel, der Jude unter den Staaten, wie Leon Poliakov es einmal gesagt hat. Es sind erbärmliche und erbarmungswürdige Gestalten, Bruchpiloten und Versager, die Bebels Erkenntnis bestätigen, der Antisemitismus sei der Sozialismus der dummen Kerle. Wir könnten sie ignorieren, wenn sie nicht mediale Aufmerksamkeit genießen würden, wie z.B. der Duisburger Stadtrat Hermann Dierkes von der Linkspartei, der soeben vom Simon Wiesenthal Zentrum zu den Top Ten der internationalen Antisemiten-Liga ernannt wurde.

Der Antisemitismus tobt sich auf dem Rücken der Juden aus, aber er zerstört weit mehr als “nur” jüdische Existenzen. Der Antisemitismus kontaminiert ganze Gesellschaften, steht immer am Anfang vom Ende einer Kultur. Früher haben Bergleute Kanarienvögel in die Kohlengruben mitgenommen, die Alarm gaben, wenn giftige Gase austraten. Heute müsste ein solches Frühwarnsystem gegen den Antisemitismus erst erfunden werden. Das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung ist es nicht, denn das beschäftigt sich inzwischen am liebsten mit der so genannten “Islamophobie”, einem Kampfbegriff, der von Ayatollah Khomeini erfunden und in die politische Debatte gebracht wurde. Der langjährige Leiter des Zentrums, Professor Wolfgang Benz, fand auch nichts dabei, ausgerechnet einer antisemitischen Website, die von Islamisten betrieben wird, ein affirmatives Interview zu geben. Mag sein, dass er nicht wusste, mit wem er da plauderte. Aber das wäre noch schlimmer.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, liebe Freunde der klaren Worte: Auf den in den Kampf! Denn: Es geschieht nichts Gutes, es sei denn, man tut es!

Siehe auch:
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/tu_das_nie_wieder_henryk/
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_wahre_grundlegung_der_demokratie_fand_in_israel_statt/

 

Permanenter Link

Achgut  Hausnachrichten  Inland  Kultur  

Die Achse des Guten