Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

23.03.2012   06:02   +Feedback

Sieg des Ostens

Nun, da die Causa Wulff bei der Hannoveraner Staatsanwaltschaft ruht, können wir uns der Frage zuwenden, warum die Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten für so viel Aufregung gesorgt hat. Die einen wollten ihn unbedingt haben, die anderen mit aller Macht verhindern. Dafür gibt es einige rationale und viele emotionale Gründe.

Zunächst einmal repräsentiert Gauck eine rar gewordene Tugend: den gesunden Menschenverstand, der sich in dem Satz „Das macht man nicht“ artikuliert. Zweitens merkt man es ihm an, dass er das sagt, was er denkt und das denkt, was er sagt. So was machen Politiker üblicherweise nur im Zustand der Volltrunkenheit. Der Hass, der sich über Gauck entlud, hat mit alten Rechnungen zu tun, die über 20 Jahre unerledigt herumlagen.

Eine Woche vor der Wahl trat bei Anne Will der letzte Innenminister der DDR, Peter-Michael Diestel, als Kronzeuge gegen Gauck auf. Diestel, das muss man wissen, war für die Vernichtung eines großen Teils der Stasi-Akten verantwortlich und hätte das, was nach dem Zusammenbruch der DDR übrig blieb, auch gerne entsorgt. Gauck hingegen hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Opfer der Staatssicherheit die Möglichkeit bekamen, ihre eigene Geschichte anhand der Akten zu rekonstruieren. Noch heute werden jeden Monat Tausende von Anträgen auf Akteneinsicht gestellt.

Auch als Präsident wird Gauck wird Gauck dafür sorgen, dass die zweite deutsche Diktatur, die ein Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz war, nicht in Vergessenheit gerät.

Mit Gauck im höchsten Amt des Staates ist auch das definitive Ende der alten Bundesrepublik besiegelt, die in ihrem Kern eine katholisch-rheinisch-bayrische Allianz war. Nun wird das Land von zwei Ossis repräsentiert, zwei Protestanten, die jenseits des Limes aufgewachsen sind, wo für die Westler das Reich der Barbaren beginnt. Das ist eine Kränkung, die an Rhein und Ruhr und zu beiden Ufer der Isar nicht einfach hingenommen werden kann. Schon haben einige Bürgermeister aus dem Ruhrgebiet ein vorzeitiges Ende des „Solidarpakt Ost“ gefordert. Der sei „ein perverses System, das keinerlei inhaltliche Rechtfertigung mehr“ habe, das Geld werde im Westen dringender gebraucht.

Erschienen in der Weltwoche am 22.3.12

 

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