Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

23.08.2012   17:44   +Feedback

Im Sumpf

Sollten Sie bei einem Besuch der Bundesrepublik in eine Gesellschaft geraten, in der über Politik diskutiert wird, können Sie mit einem einzigen Satz als kritischer Geist punkten. Sagen sie einfach: „Wir wollen hier doch keine amerikanischen Verhältnisse!“ Mit diesem Satz liegen Sie immer richtig, egal worüber gerade geredet wird: Politik, Kultur oder Fast Food. Er ist das „Sesam-öffne-Dich“ für den Einlass in progressive Kreise, die kapitalismuskritisch sind und fair gehandelten Kaffee aus regionalem Anbau konsumieren.

Umso überraschender war es, dass der neue Vorsitzende der Partei „Die Linke“, die ihrerseits aus der SED, der Staatspartei der DDR hervorgegangen ist, vor kurzem für die Einführung „amerikanischer Verhältnisse“ in der Bundesrepublik plädierte. In einem Interview mit der „Welt“ sagte er, amerikanischen Unternehmern, die Steuern hinterziehen, drohe in den USA die Ausbürgerung. „Wir sollten uns das amerikanische Modell zum Vorbild nehmen…, deutschen Unternehmern, die nicht bereit sind, den vollen Steuersatz zu zahlen, sollte auch die Staatsbürgerschaft entzogen werden können. Wenn dies im Mutterland des Kapitalismus geht, muss es auch bei uns möglich sein.”

Unnötig zu sagen, dass amerikanischen Unternehmern, die beim „Steuer sparen“ erwischt werden, vieles droht, nur nicht die Ausbürgerung. Ausgebürgert wurde in den Staaten des real existierenden Sozialismus, also auch in der DDR, die viele in der Linkspartei auch mehr als 20 Jahre nach ihrem Ableben für ein Modell halten, das noch lange nicht ausgedient hat.

Natürlich ist das, was der Chef der Linkspartei sagt, nicht mehrheitsfällig. Aber es zeigt die Richtung an, in die sich die aktuelle Diskussion bewegt. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, Joachim Poß, hat vor kurzem erklärt: „Wir wollen den Sumpf der Steuerkriminalität in Deutschland, europaweit, weltweit austrocknen.“ Erstaunlicher noch als dieser Satz war, dass ihm niemand widersprach. Während sonst die halbe Nation den Atem anhält, wenn ein TV-Moderator das Wort „Autobahn“ in den Mund nimmt, ohne sich dabei von den Nazis zu distanzieren. Die haben auch ausgebürgert und Sümpfe trocken gelegt.

Und sie waren, was heute gerne übersehen wird, ebenfalls Sozialisten.

Erschienen in der Weltwoche, 23.8.12
 

 

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