Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

10.01.2010   15:05   +Feedback

Die Juden haben den Nationalsozialismus nicht verhindert

Mensch Broder, polemischer Eintopfschreiber, der mit Cohn-Bendit eine Rotweinfinca in der Toskana sucht, Du hast ja wieder alles verquirlt, um den Vertriebenen aus dem Osten ein Denkmal zu vergällen, die Opfer eines mörderischen Krieges wurden. Aber das waren doch auch nur Deutsche wie die ermordeten Juden. Basta. Wer einen Krieg anfängt und ihn verliert, zahlt die Zeche. Basta. Na, den Nationalsozialismus haben aber alle Deutsche nicht verhindert, auch die deutschen Juden nicht. Terroristen gegen den Nationalsozialismus sind sie jedenfalls nicht geworden, bis auf Ausnahmen. Jedenfalls im Großdeutschen Reich. Und, Broder, wir wollen mal die Geschichte, egal ob von vorn oder von hinten nicht so erzählen, als handle es sich bei den Juden um ein Volk. Der Davidschen Wandersage vom Tausendjährigen Reich wollen wir nicht folgen, damit uns nicht die Sicht versperrt wird, auf die Betrachtung des Umgangs der unterschiedlichen Nationen in der Verteidigung ihrer jüdischen Mitbürger unter der Nazibesetzung. Zur Befriedigung der Zionisten hat man in Berlin ein Betondenkmal errichtet. Wie beeindruckend. Man verewigt damit den Verursacher in seinem ureigenen beliebten Baumaterial: Beton. Das schaurigste was man tun konnte. Eine masochistische Befriedigung. Niemand kam jemals auf die Idee Denkmäler zu errichten, die daran erinnerten, wie wenig die einzelnen Nationen zur Verteidigung ihrer jüdischen Landsleute gemacht haben. Allzuschnell haben die Nachkriegshistoriker zur Befriedigung der Deutschen die Vernichtung der Juden postuliert, als habe es sich dabei um ein Volk gehandelt. Immerhin etwas Fremdes. Das nutzt natürlich in der Aufarbeitung im Hinterzimmer des Hirns: Das waren eben nur Juden. So höre ich noch sprechen, in den Fünfziger Jahren, als ich ein Kind war. Aha, dachte ich, das waren Fremde, Eindringlinge. Klasse gemacht. Zweckdienlich auch für die Errichtung des israelischen Staates. So wurde Europa sein Judenproblem elegant los. Ganz unter geht in diesem Gedankengut, dass man aus ökonomischen Gründen den eigenen Nachbar denunzierte, verfolgte, enteignete, arbeitstechnisch verwertete und am Ende vernichtete. Das Massaker der Nazis begann an der eigenen Nation. Das gilt festzuhalten. Auch für die Zukunft. Der Minderheitenschutz innerhalb der Nation ist die Grundlage jeder Demokratie. Die Frage die sich hier stellen würde ist, ob die Israelis so was in ihrer Verfassung verankert haben. Aber die haben ja bekanntlich keine.
Aber zurück zur Vertreibung. Da spricht der Jude Broder den Millionen deutschen Vertriebenen das Recht auf Heimat ab, obwohl sich gerade die Juden nach dem tausendjährigen Reich des Königs David als Heimat sehnen, obwohl bis heute kein Archäologe auch nur einen Stein aus diesem Judenstaat ausgebuddelt hat. Broder spricht den Vertriebenen jegliches Opferrecht ab. Man könne die Opfer der Juden nicht in einem Zusammenhang nennen, wie die Vertriebenenopfer.  Na ja; um politisch etwas zu erreichen, füge ich anderen Leid zu. Das ist die innewohnende Doktrin, egal ob Vertreibung, Vernichtungslager oder Krieg.
Ich, als vertriebenes Kind aus der CSSR habe nie nach der Ursache gefragt. Hunger, Angst und Totschlag neben mir verfolgen mich noch heute und die Sehnsucht nach meinen Wurzeln ist geblieben. Als ich einmal einen Überlebenden Juden eines Konzentrationslagers interviewte und ich ihn nach dem Fazit fragte, sagte er: Nur die Traurigkeit ist mir geblieben. Als ich 1990 an meinem Geburtsort in der CSSR zum ersten mal stand, war das ein erhebendes Gefühl. Dort wohnen möchte ich nicht. Unser Bauerhof ist längst platt und die Muttersprache spreche ich gar nicht. Bis heute ist auch nicht geklärt, warum meine Mutter und ich vertreiben wurden, aus einer seit jahrhunderten ansässigen tschechischen Familie stammend. Reichsdeutsche jedenfalls war sie nicht. Die tschechischen Verwandte sagen: mit Recht, denn du bist Kind eines SS-Offizier. Zu Unrecht, wie Unterlagen des Bundesarchivs nachwiesen. Mein Vater war nie von den Nazis eingezogen, er war Kommunist im Dritten Reich und immer bedroht. Das mit der Vertreibung verbundene Leid jedenfalls bedarf der Erinnerung. Die Transporte in Viehwaggons, die langen sterbenden Trecks, die erfrorenen und erschlagenen Kinder entlang der Bahngleise.
Dass nun der Bund der Vertriebenen unter der blonden Domina Steinbach, wie Broder in Spiegel Online: Finca statt Feldzug schreibt, ist blasphemisch. Es diskriminiert alle blonden und blauäugigen Menschen und dass die nun neidisch auf das Holocaustdenkmal schielen, entspringt dem Gedankengut vergreister Linker. Vertreibung ist ein zutiefst menschliche Thema. Die Vertriebenen haben ein Recht auf ihre Geschichte. Das mit einem Feldzug zu umschreiben, ist einfältig. Und allemal haftet für ihre Enteignung die Politik, wie bei den Juden auch.
Karl Nagel

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