Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

15.12.2007   18:07   +Feedback

Fremde Federn: The Joy of the Joy of Return

Sehr geehrter Herr Broder!

Ich liebe Ihre “Joy of return”-Artikel. Ich komme aus Österreich und war 1985 zum ersten Mal in Israel. Bis zu diesem Zeitpunkt, ich war 23 Jahre alt und relativ ungebildet, waren Juden für mich dunkle gebeugte Gestalten, wenig heldenhaft, die sich alles gefallen lassen. Wenig attraktiv also für einen jungen Mann ohne Ahnung. Israel war gemein zu den Palästinensern und Begin war schuld am Massaker von Sabra und Shatila, von christlichen Milizen war keine Rede. Dies war, zumindest in den Kreisen in denen ich mich bewegte, der Auffassungs- und Wissensstand in Österreich. Über die unzähligen Altnazis, mit denen ich aufgewachsen bin, brauch ich ihnen eh nichts zu erzählen.

Eigentlich wollten wir (fünf junge Männer, ein Mercedes-Bus) nach Ägypten. In Piräus gabs keine Schiffspassage mehr. Was tun? Wir hatten uns auf einen Winter am roten Meer gefreut, mit tauchen, surfen, Wärme und Sonne. Es gab eine Passage nach Haifa und unser Ältester wusste erstens, wo das ist –nämlich in Israel– und zweitens, dass es in Israel auch Elat gibt. Ausserdem konnte man von Israel über Gaza auch nach Ägypten fahren. Drei Nächte später tauchte Israel aus dem Meer. Nachdem das Schiff angelegt hatte, kamen ein paar junge Männer an Board und bereiteten den Security Check, den wir schon von Piräus kannten, vor. Sie waren braungebrannt mit Sonnenbrillen und strotzten vor Selbstbewusstsein, einem Selbstbewusstsein, wie wir es nicht kannten. Im übrigen ist uns wohltuend aufgefallen, dass auch unglaublich attraktive Damen in Uniform dabei waren, deren Selbstbewusstsein wir schon gar nicht kannten. Auf der Fahrt von Haifa nach Tel Aviv kam mir kurz der Gedanke ob die eigentlich alle Juden seien, aber die Eindrücke der Fahrt liessen weiteres Nachdenken nicht zu. Quer durch Gaza nach Rafah zum Grenzposten. Ein lässiger und (wegen unseres unwissenden Auftritts) leicht belustigter israelischer Soldat versuchte uns zu erklären, dass wir eine Ausreisegebühr zahlen müssten und, dass wir in Ägypten, wegen des Dieselmotors unseres Buses, nicht einreisen dürften und dann die Ausreisegebühr nicht zurückbekämen. Natürlich ignorierten wir seine Warnung um vierzig Minuten später von ihm mit einen lächelnden “welcome back to Israel” empfangen zu werden. Ich glaube hier begann mein Unterbewusstsein langsam meine Meinung von Juden neu zu ordnen.

Später verbrachte ich jeden Winter in Israel, lernte ein bisschen Hebräisch und hatte ein Freundin bis 1993. Ich liebte das Leben dort, diese unglaubliche Freiheit. Irgendwie gab es keine Angst vor dem, was die Leute sagen könnten. Man konnte prinzipiell mit jedem Polizisten streiten, obwohl der schwer bewaffnet war. Als Oleh chadash hatte man sowieso alle Rechte. Meine Hebräisch-Lehrerin sagte einmal, dass das Erste, das die Olim lernten die Frechheit wäre, die aber besonders gut. Oft war mir zu viel amerikanisches überall, dann wieder gar nicht. Ein ziemlich alter Mann in Nethania fragte mich einmal:

“Woher kommen Sie?”
“Aus Österreich.”
“Ich auch!”
“Ja? Woher denn?”
“Aus Cernovicz, ich habe noch den Kaiser gesehen!”

Kaum war ich dort, fühlte ich mich leicht und selbstbewusst und frei. Kaum in Österreich, gleich beim ersten Anblick eines Grenzbeamten, war ich wieder um Tonnen schwerer. Ich liebte Hummus und Foul im House of Foul in Beer Sheva, jemenitisches Essen im Nargilah, Rechov Frishman, Tel Aviv, oder Labany aus Nazereth. Nes oder Botz, Espresso oder Cappuccino im libyschen Viertel von Nethania und natürlich Falafel. Ich vermisse jetzt noch meine Stammgeldwechsler in Arad, wo ich zur Schule gegangen bin. Irgendwie vermisse ich sogar die Abende im ersten Irakkrieg mit den Alarmen und den “End of the World Parties"und den “nachash zefers”, obwohl ich eine Heidenangst hatte.

Seit 1993 war ich nicht mehr in Israel. Meine Freundin wollte verständlicherweise nicht in Österreich leben und mir fehlte letztlich doch der Mut für immer dort zu bleiben. Seitdem fühle ich diese Sehnsucht zurückzukehren und deshalb liebe ich Ihre “Joys of Return”, und einmal, wenn die Kinder gross genug sind und ich meine Frau davon überzeugt habe, werde ich auch zurückkehren, wenn auch nur für einen kurzen Besuch…..

Liebe Grüsse

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