Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

10.05.2003   13:03   +Feedback

Berliner Banausentum

D A S   L E T Z T E

Das Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung von Micha Ullman hat drei erhebliche Mängel: Es ist zu einfach, es ist zu durchdacht, es hat nicht genug gekostet. Die den Ton angebenden Banausen im Senat und in der Verwaltung, die bei der Bambi-Gala genauso wie bei der Gedenkfeier zur Kristallnacht immer die richtigen Worte zu den passenden Krawatten finden, haben es gerne bombastisch, mythengetränkt und teuer. Erst wenn man zehnmal hinschauen muss, bevor man ahnt, was es sein könnte, dann ist es gut. Dann dürfen die Architekten in die Vollen greifen und werden von den Auftraggebern mit Respekt behandelt.

Bücherverbrennungs-Mahnmal von Micha Ullmann auf dem Bebelplatz in Berlin
Bücherverbrennungs-Mahnmalauf dem Berliner Bebelplatz

Wie Daniel Libeskind und Peter Eisenman, der eine hat sich bereits in Berlin verewigt, der andere ist im Begriff es zu tun. Libeskind wollte ursprünglich eine Oper komponieren - hätte er es nur getan! -, hat sich dann aber umorientiert und ein Museum gebaut. Es steckt voller Metaphern und Symbole - schräge Böden, schiefe Wände, leere Räume -, die den Besuchern erklärt werden müssen, damit sie die angemessene Erschütterung empfinden. Das gilt auch für den Grundriss, einen auseinander gebogenen und in die Länge gezogenen Davidstern. Aber die “Dekonstruktion” des alten Zeichens erkennt nur, wer in mindestens 3oo m Höhe über das Museum hinwegfliegt, ein Aufwand, zu dem nur wenige Besucher in der Lage sind. Lieber lassen sie sich in einen Turm einsperren und frösteln bei der Vorstellung, so etwa muss es damals bei der Deportation auch gewesen sein. Dafür war der Bau ordentlich teuer, 12o Millionen Mark, und erst als er fertig war, hat man gemerkt, daß nicht genug Toiletten da waren und die Klimaanlage nicht genug Luft bekam. Also musste für 1o Millionen Mark, es kann auch mehr gewesen sein, nachsaniert werden.

Das Holocaust-Mahnmal, das Peter Eisenman zwischen dem Hotel Adlon und dem ehemaligen Führerbunker baut, ist dagegen relativ preiswert, es soll nicht mehr als 25 Millionen Euro kosten, doch wer die Berliner Verhältnisse kennt, der weiß, dass man Baukalkulationen nicht ernst nehmen darf. Auch bei Eisenman gibt es eine wüste Symbolik, die von der Zahl der geplanten Steinquader abhängt. 2ooo Quader bedeuten etwas ganz anderes als 4ooo Quader, mal ist es ein Gräberfeld, mal eine begehbare Installation. Es kann aber auch etwas ganz anderes sein, die Bau-Ausschreibung läuft noch.

Da kann Ullman nicht mithalten. Seine unsichtbare Bibliothek hat nur eine halbe Million Mark gekostet und jeder versteht gleich, wofür die leeren Regale stehen, kein Mensch braucht eine Anleitung zum Erschüttertsein. Die Bücherverbrennung wirkt bis heute nach, auch wenn die Regale bei Dussmann und Hugendubel inzwischen gut gefüllt sind. Der Ort taugt nicht als Kranzabwurfstelle, nicht um Staatsgäste zu begrüßen oder Empfänge zu geben. Und jetzt soll um das Mahnmal herum und drunter eine Garage gebaut werden. Was ist schon dabei, sagen die Befürworter des Projekts, irgendwo müssen die Leute ihre Autos doch abstellen, wenn sie in die Oper oder auf die Museumsinsel wollen, und ob sie es hier oder 1oo m weiter weg tun, ist doch egal. Aber niemand käme auf die Idee, die Tiefgarage direkt unter der Neuen Wache zu bauen. Und wer in Weimar vorschlagen würde, das Goethe-Schiller-Denkmal auf diese Weise zu unterkellern, mit Ab- und Auffahrten links und rechts, wäre als Pförtner im Rathaus erledigt.

Nicht einmal die Bremer Stadtmusikanten würden solches Banausentum hinnehmen. Nur in Berlin führt es das große Wort, denn die Stadt ist pleite und man will die Investoren nicht vergrätzen. Zwei, dreimal im Jahr, an den üblichen Gedenktagen, werden dann festliche Reden gehalten und Einsichten verkündet, wie z.B. die, dass man aus der Geschichte lernen müsse, wenn man die Zukunft meistern wolle. Aber: “Nie wieder 33!” ist nicht einmal ein Lippenbekenntnis, unter den gegebenen Berliner Bedingungen bedeutet es nur: “Freie Bahn dem Hoch- und Tiefbau!”

10.05.2003

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