Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

18.05.2003   13:04   +Feedback

»Ich bin Jürgen Fliege und es ist Krieg«

D A S   L E T Z T E

Als vor zwei Monaten die Amerikaner und die Briten ihre Offensive gegen das Regime von Saddam Hussein begannen, machte sich in Deutschland entsetztes Staunen breit. Die Alliierten hatten es gewagt, den Irak anzugreifen, obwohl die deutsche Friedensbewegung, die in diesem Fall von der NPD über die PDS bis ins Bundeskanzleramt reichte, gegen den Krieg war und vor den unvermeidlichen Konsequenzen - Millionen von Flüchtlingen, Hunderttausende von Toten, Destabilisierung der ganzen Region, Dritter Weltkrieg - gewarnt hatte. Konnte es einen überzeugenderen Beweis für die Arroganz der Macht geben, als das Verhalten der Amerikaner, die sich einfach über die friedenspolitischen Anweisungen von Katja Ebstein, Günter Grass, Klaus Staeck

Gruftie-Runde: Jürgen Fliege und seine Gäste Gruftie-Runde: Jürgen Fliege und seine Gäste Gruftie-Runde: Jürgen Fliege und seine Gäste Gruftie-Runde: Jürgen Fliege und seine Gäste

Gruftie-Runde: Jürgen Fliegeund seine Gäste und Michael Sommer hinwegsetzten? Als erste fanden ein paar friedensbewegte Stammtischbrüder, die von den ARD- und ZDF-Reportern in ihren Verstecken aufgespürt wurden, die Sprache wieder. Sie wünschten den Amerikanern »ein zweites Vietnam« als Strafe für ihren »völkerrechtswidrigen Angriffskrieg«. Der Berliner Kardinal Sterzynski rief zu einem Boykott amerikanischer Waren und Produkte auf (»Deutsche wehrt Euch! Kauft nicht vom Amerikaner!«) und gab seiner Haushälterin die Order, fortan statt Coca Cola nur noch Afri Cola oder Club Cola zu kaufen. Allein diese Maßnahme war dazu angetan, die Amis über kurz oder lang in die Knie und zu einem Rückzug ihrer Truppen zu zwingen. Auch Jürgen Fliege, der nachmittägliche Schmierlappen der ARD, stellte sein Programm kurzfristig um. Am 21. März, nur einen Tag nach dem Beginn der Kampfhandlungen, ging er an der Heimatfront in Stellung.

»Ich bin Jürgen Fliege und es ist Krieg. Es ist Krieg. Die Amerikaner und die Briten haben den Irak angegriffen und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, es könnte eine Auseinandersetzung sein, die jedes Maß überschreitet. Es ist vielleicht nicht nur ein Krieg, den die Amerikaner, die Briten gegen den Irak führen, es könnte ja auch einer werden, eine Auseinandersetzung zwischen Ost und West, zwischen Christentum und Islam, zwischen all dem, was uns heilig ist und Millionen von anderen Menschen heilig ist. Ich fürchte mich davor, und es könnte eine Auseinandersetzung werden, die zu allen Mitteln greift, ohne jedes Maß, vom feigen Mord bis zum Atomschlag. Alles ist drin. Und davor fürchte ich mich.«

Damit war eigentlich alles gesagt, und Fliege hätte wieder heimsausen können, wenn er nicht vier Gäste ins Studio geholt hätte, »um mich mit ihnen zu beraten, wem sollen wir trauen, was sollen wir glauben, was sollen wir tun und was sollen wir lassen«.

Es waren: Erhard Eppler, »Vordenker der SPD, einer der wackeren, klaren Christenmenschen«, Prälat Josef Sayer, der Chef von Misereor, denn »es ist die Stunde der Hilfswerke«, Prof. Dr. Adel Theodor Khoury, ein Katholik aus dem Libanon, »er kennt sich in den Seelen und Traditionen des Osten aus«, und Jörg Zink, den Fliege im feinsten Pisa-Deutsch begrüßte: »Da freue ich mich riesig, dass Jörg Zink zu uns gekommen ist, er ist der Pfarrer in Deutschland, wo ich sage, keiner hat seit einem halben Jahrhundert so klar über Krieg und Frieden gepredigt wie er uns allen«.

Es war eine Gruftie-Runde, wie man sie lange nicht mehr im Fernsehen erlebt hatte, vier ältere und leicht senile Herren, die sich größte Mühe gaben, einer Forderung von Karl Kraus nachzukommen: »Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie ausdrücken.«

Zum Aufwärmen stellte Fliege die Frage: »Es ist Krieg, und was empfinden Sie?« Eppler sagte, er erinnere sich an den Kriegsausbruch am 1. September 1939, Sayer empfand »Wut, Hoffnungslosigkeit und Trauer«, bei Khoury waren es »Traurigkeit und Angst« und Zink, der von Fliege geduzt wurde (»Du bist einer meiner spirituellen Väter«), ging’s gleich ins Grundsätzliche:

»Jedes mal, wenn ich so etwas erlebe wie den Ausbruch eines so blöden Krieges, wie den, den die Amis jetzt im Irak führen, dann frage ich mich, was hat die Menschheit eigentlich seit der Steinzeit gelernt? ... Ich hoffe und wünsche mir, dass in den nächsten Jahren, in den nächsten Tagen und Wochen in unseren Hinterköpfen so etwas stattfindet wie ein Lernprozess und dass etwas dabei herauskommt.«

Das war selbst Fliege etwas zu abstrakt und deswegen legte er nach: »Ich frage dich, was soll ich jetzt tun?«

Da hatte der »christliche Bestsellerautor« (Bauchbinde) eine konkrete Idee: »Was wir tun können, das ist, alle Sinne und Gedanken auf zu machen und zu beobachten, was passiert, um zu sehen, was Menschen leiden. und dafür zu sorgen, dass wir hier in Deutschland eine Politik machen, die dem nicht die Hand reicht, diesem Geschehen.«

Dann erzählte der vertrottelte Scheinheilige aus seinem Leben, wie er wurde, was er ist. Bei Kriegsausbruch war er 17, da hatte man ihm »eingetrichtert, dass es in dieser Welt Schurkenstaaten gibt, Amerika und England ...«, als Soldat habe er »dreierlei gelernt: zu gehorchen, zu töten und zu sterben«. Er wurde Flieger und eines Tages, im März 1944, griff seine Einheit einen »Geleitzug mit amerikanischen Truppentransportern im Mittelmeer« an, die Hälfte der Schiffe, sieben oder acht, wurden versenkt, »wir haben so circa 1o.ooo amerikanische Schurken in die Hölle geschickt, wohin sie gehörten«, davon war er damals überzeugt.

Acht Jahre später ist aus dem Flieger ein Lehrer am evangelischen Stift in Tübingen geworden, unter seinen Studenten war auch »ein prächtiger Kerl aus England«, der war in jenem Geleitzug gewesen, den Zink aus der Luft bombardiert hatte, und hatte überlebt. »Da ist mir der Boden unter den Füßen weich geworden, und wem da der Boden nicht weg geht unter den Füßen, der hat nichts begriffen. was für eine Lüge es ist, wenn man von Schurkenstaaten und gerechten Staaten redet ...«

So wie die Nazis damals über Amerika und England redeten, so reden die Amis und Engländer heute über den Irak. Doch Zink will sich nicht noch einmal irreführen lassen. »Alle gerechten Kriege sind selbstgerechte Kriege und alle heiligen Kriege sind gründlich unheilig. Punkt.« Da kommt Applaus auf, je platter die Binse, umso heftiger die Zustimmung der Leute im Studio.

Das Thema der Sendung heißt »Mensch oder Satan?« Gemeint ist Saddam, aber geredet wird über Bush. Erst im letzten Drittel will Fliege wissen, was man mit dem irakischen Diktator machen sollte: »Mancher Deutscher hofft ja, der Krieg wäre am schnellsten erledigt, wenn sie den Saddam Hussein einfach umbringen, das ist ein altes Thema, auch für uns, also Tyrannenmord. Ist es das Beste, dass die Amerikaner ihn einfach umbringen? Ist es okay?«

Da lässt Zink die braune Lederhose fallen. »Dazu wäre ein normaler Amerikaner gar nicht fähig. Er müsste den Mut haben, den die jungen Selbstmordattentäter der Palästinenser haben, sich selbst in die Luft zu sprengen. Das hat er aber nicht«, der normale Amerikaner, der feige aus großer Höhe die lasergesteuerten Raketen abwirft und sich dann aus dem Staub macht.

Einen Moment lang ist Ruhe im Studio, keiner sagt was, keiner widerspricht, auch Erhard Eppler, der große Moralist, schweigt. Fliege nimmt den Faden auf: »Du sprichst voller Respekt von diesen jungen Terroristen, die mit Dynamit am Leib…«

Zink lässt ihn nicht weit kommen. »Ich bewundere sie dafür, dass ihnen ihre Sache und die Sache ihres Volkes und ihrer Religion, oder was immer, so wichtig ist, dass sie dafür ihr Leben hingeben. Das sind keine Selbstmörder, sondern das sind mutige junge Leute, die sich voll hingeben für ihre Sache.«

Fliege scheint zu ahnen, dass sein spiritueller Vater eben voll in die Scheiße rein getreten ist und will ihn noch retten: »Sind die nicht auch angelogen worden?«

Darauf Zink: »Natürlich. Natürlich werden sie angelogen, aber dass man sie einfach so abschätzig als Selbstmordattentäter bezeichnet, ist einfach nicht gerecht.«

Es wäre sicher auch nicht gerecht, Zink als einen alten Nazi im Theologen-Kostüm zu bezeichnen, der sich mit den »mutigen jungen Leuten« identifiziert. Aber es lässt sich nicht leugnen: Dem alten Zausel, der da so eitel wie debil vor sich hin lächelt, geht’s gleich noch mal so gut, wenn das Judenblut von der Pali-Bombe spritzt.

Fliege wechselt das Thema. »Endzeitstimmung kommt auf, ist das gerechtfertigt vom Religiösen her? Kann die Welt untergehen?«

Zink macht ein Gesicht, als würde er denken: »Über das Ende der Welt weiß ich nichts, über den Untergang der Gerechtigkeit auf dieser Welt kann ich eine Kleinigkeit wissen und kann versuchen, sie zu hindern. Über den Untergang des Friedens kann ich wissen, wie das aussieht und kann vielleicht eine Kleinigkeit dazu tun. Ich möchte mich an die kleinen Zeichen dessen halten, was wir tun können, und dazu gehört, ich kann mich darum bemühen, zu verstehen was passiert. Ich kann mich bemühen, zu verstehen was Menschen empfinden, leiden, denken, auch die, die mir fremd sind ... Ich kenne mich im Nahen Osten so aus wie einer, der 25mal da war und ebenso viele Filme dort gedreht hat, und ich habe mich immer gewundert, wie wenig die Amerikaner von der arabischen Seele, vom arabischen Leben, von der arabischen Denkensweise und vom arabischen Glauben wissen. Wie ahnungslos sie in diesen Ländern herumlaufen, wie Elefanten im Porzellanladen. Und da ging mir auf, dass es ein Lebensgesetz gibt, das so lautet: Du wirst einen Menschen nur verstehen, wenn du dich ihm auftust, wenn du ein klein bisschen Vertrauen ihm entgegen bringst, wenn du jemand hasst, wirst du ihn nie verstehen. Das ist ein Lebensgesetz, gar kein christliches sondern ein sehr normales… Und Jesus sagt uns, du wirst deine Feinde nie verstehen, wenn du sie nicht liebst…«

Fliege will es ganz genau wissen: »Und wie soll ich Saddam Hussein lieben?«

Darauf Zink: »Ich soll mich hineindenken in seine Biografie, in seine Herkunft, in sein Denken, soll versuchen, seine Zusammenhänge, seine Familien zu sehen und warum denkt er so, was für Traumata hat er auszuhalten. Wenn das nicht geschieht, bleiben wir dumm. Wir bleiben immer an den Fassaden hängen, jeder Mensch hat Fassaden, die man dann sieht, und er ist dahinter ein ganz anderer Mensch, den man nicht versteht ...«

Dann war die Sendung auch bald vorbei, ohne dass geklärt wurde, welche Traumata Pfarrer Jörg Zink aushalten muss und wie der Mensch aussieht, der sich hinter der Fassade des geschwätzigen Dummbatz versteckt, der, im Gegensatz zu den Amis, so viel von der arabischen Seele versteht und junge Mörder bewundert, die ihr Leben für die Sache ihres Volkes hingeben. Erst wenn ihm eines Tages seine eigenen Eier um die Ohren fliegen, weil er sich zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hat, wird er - vielleicht - seine Haltung ändern. So lange wird er weiter Unsinn predigen, ohne dass ihm jemand ins Wort fällt. Auch Jürgen Fliege wird sein apokalyptisches Schmierentheater fortsetzen, mit Segen der evangelischen Kirche und im Auftrag der ARD.

HMB, 18.5.2oo3

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