Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

15.07.2003   13:02   +Feedback

Hannes Stein: Legalize it!

Hannes Stein

Mein einziges illegales Drogenerlebnis beruhte auf einem Missverständnis. Es war auf einer Gartenparty im schönen Hamburger Stadtviertel Harvestehude - plötzlich brach ein Gewittersturm über uns herein, und so verkrochen wir uns in die Zweizimmerwohnung unseres Gastgebers im Souterrain. Es war eng und lustig. Irgendwann quetschte unser Gastgeber sich mit einer Blechbüchse durch den Menschenkuddelmuddel. »John, was hast du da?«, fragte ich. »Dope«, antwortete John. In meiner jugendlichen Unschuld hielt ich das für einen Witz und nahm mir einen Keks. Euphorisierende Wirkungen spürte ich danach keine, außerdem ist die Affäre schon 19 Jahre her. Trotzdem fordere ich die Staatsanwaltschaft hiermit auf, mir zwecks Haarprobe mit einer extragroßen rostfreien Heckenschere nachzustellen. Bitteschön, ich habe das Zeug nicht nur inhaliert; ich habe es gegessen! 

      

»Der Skandal fängt an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht«, schrieb der Satiriker Karl Kraus. Sein humorloser Aphorismus ist immer noch gültig - jedenfalls gilt er für Christoph Daum, Konstantin Wecker und nun auch für Michel Friedman. Man kann diesen drei Herren alles mögliche Schlechte nachsagen (der eine ist ein bisschen doof, der andere schreibt miserable Verse, der dritte schmiert sich Salatöl in die Haare), aber geht es eigentlich jemanden etwas an, ob sie Drogen nehmen? Um es deutlich zu sagen: Der Staat darf keinem Menschen - und sei er auch prominent - in der Kokain-Nase herumbohren. Der Staat hat die Aufgabe, Leben und Eigentum seiner Bürger zu schützen; er hat mitnichten das Recht, seine Bürger moralisch zu erziehen. Die heutigen Drogengesetze sind grotesk. Unseren Kindern wird es einmal unbegreiflich erscheinen, dass jemand noch im Jahr 2003 wegen Besitzes von Kokainpäckchen zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, dass er - wie peinlich! - in der Öffentlichkeit tränenreich um Entschuldigung bitten musste.

Nehmen wir ein historisches Beispiel, um den aktuellen Fall zu begreifen. Vor 40 Jahren galt in der Bundesrepublik Deutschland noch der so genannte Kuppeleiparagraf. Gemäß diesem Gesetz wurden Eltern, Vermieter oder Verwandte bestraft, wenn sie unverheirateten Paaren Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, da vorehelicher Geschlechtsverkehr als unzüchtig galt. Vor 40 Jahren gab es in Deutschland auch einen jüdischen Medienstar namens Hans Rosenthal, der (im Gegensatz zu Michel Friedman) tatsächlich der Inbegriff der Wohlanständigkeit war. Gesetzt, Hans Rosenthal wäre dabei erwischt worden, wie er einem netten, aber unverheirateten Pärchen seinen Wohnungsschlüssel in die Hand drückt - ein stinkender Sturm der Empörung wäre losgebrochen. Staatsanwalt, Kameras, Schlagzeilen in der »Bild«-Zeitung. Hans Rosenthal wäre mit Aplomb von seiner Stellung im Zentralrat der Juden zurückgetreten worden. Er hätte niemals »Dalli Dalli« moderiert.

Wir Heutigen indes würden ziemlich fassungslos vor diesem Skandälchen stehen. Wir würden denken, dass der Staat seine Nase damals in Dinge steckte, die ihn einen feuchten Schmutz angehen. Genauso werden unsere Nachgeborenen einmal über den Umgang mit Daum, Wecker und Friedman sprechen.

Tout le monde rätselt nun, ob Michel Friedmans öffentliches Geständnis echt gewesen sei, ob es nicht doch eine Spur zu viel Herzenstremolo enthielt. Ich nicht. Ich bin nur enttäuscht. Es ärgert mich, dass dieser für seine Arroganz berühmte Mann nicht die Chance ergriff, vor den Fernsehkameras eine einfache Kardinalfrage zu stellen: »Mit welchem Recht ist die Staatsanwaltschaft in meine Privatsphäre eingebrochen? Mit welchem Recht hat sie mein home und mein castle durchsucht?« Das versteht sich: Die Freiheit des Einzelnen hat ihre Grenze an der Freiheit des Nächsten. Kein Mensch hat das Recht, andere körperlich oder seelisch zu schädigen. Aber wenn jemand beschließt, mit Hilfe von Kokain, Heroin, Strychnin oder Lysergsäurediäthylamid Selbstmord auf Raten zu begehen, ist das ganz allein sein Bier.

Apropos Bier: Besonders grotesk werden die herrschenden Drogengesetze dadurch, dass die tödlichsten Drogen, die derzeit auf diesem Planeten gehandelt werden - völlig legal sind. Die Herointoten sind statistisch eine irrelevante Größe, wenn man auf der anderen Waagschale die Alkoholtoten aufschichtet. In jedem Kino darf für Marlboro Country geworben werden, obwohl jedermann weiß, dass jenes sagenhafte Zigarettenland nicht im Wilden Westen liegt, sondern eine Provinz des Totenreiches ist. Und woher kommt diese Ungleichheit? Warum blickt das Auge des Gesetzes ohne Erbarmen auf Hasch und Kokain, jedoch mit kurzsichtiger Milde auf Nikotin und Alkohol? Weil der Staat sich im letzteren Fall mit den Dealern geeinigt hat und wunderbar hohe Steuern kassiert. Darum.

Kein Zweifel: Michel Friedman verdient kein Mitleid und ist selber schuld. Er hätte sich - wie Christoph Daum, wie Konstantin Wecker - halt nicht erwischen lassen dürfen. Aber das Gesetz, gegen das er verstoßen hat, ist offenkundig absurd und unmoralisch obendrein. Wie viele von denen, die sich jetzt hämisch die Hände reiben über seinen Sturz, benötigen abends ein Glas Rotwein, um einzuschlafen?

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe das erste szenetypische Päckchen. Mit anderen Worten: Legalize it.

15.07.2003

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