Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

02.07.2003   13:03   +Feedback

Die Schmockine der Woche: Antje Vollmer, Treuhänderin von Kinderstimmen

Alles Elend dieser Welt kommt daher, weil die Leute zu viel Zeit haben. Sie langweilen sich und kommen dabei auf dumme Gedanken. Wolfgang Thierse möchte eine Quote für deutsche Musik im Radio und Fernsehen einführen, Monika Griefahn hat Dieter Bohlen für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen und Antje Vollmer fordert die Einführung eines “Wahlrechts für Kinder von Geburt an”.

Will Urkunden auf Bundesjugend-spielen verleihen: Antje Vollmer

Eigentlich wäre Frau Antje gerne die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung geworden, aber der Job ging an Claudia Roth, die seit ihrer Abwahl als Vorsitzende der Grünen echt nix zu tun hat, wenn sie nicht ein Konzert von Bruce Springsteen oder eine Versammlung der Weight Watchers besucht, während Antje Vollmer wenigstens ab und zu eine Sitzung des Bundestages leiten darf. Das ist nicht viel, aber immerhin besser als daheim auf dem Sofa sitzen, Salzstangen knabbern und Oliver Geissen gucken.

Natürlich ist eine so vitale, energetische und lustvolle Persönlichkeit wie Antje Vollmer mit dem Job einer Bundestagsvizepräsidentin nicht ausgelastet. So was erledigt sie nebenbei, wie andere Leute Blumen gießen. Bekannt ist, dass ihr der Sinn nach Höherem steht. Ausländer-, Frauen- und Bundeswehrbeauftragte gibt es schon, was fehlt, ist eine Kinderbeauftragte der Bundesregierung, die Krippen, Kindergärten und Bolzplätze besuchen und bei den Bundesjugendspielen die Urkunden an die Sieger verteilen könnte. Eine Aufgabe wie maßgeschneidert für Antje Vollmer, die sich ein rundum kindliches Gemüt bewahrt hat und ihre schicken Klamotten in der Juniorenabteilung von C&A einkauft.

Und nun will sie das “Kinderwahlrecht” einführen. “Um das politische Gewicht von Familien mit Kindern zu stärken, sollen Minderjährige per Grundgesetzänderung das Wahlrecht erhalten, das bis zu ihrem Erwachsenwerden treuhänderisch von den Eltern ausgeübt wird.” Eine großartige Idee, genau so überfällig, durchdacht und praktikabel wie die Einführung des Dosenpfands. Natürlich wäre es noch besser, das aktive Wahlalter in den Händen der Kinder zu lassen, wobei es eine flexible Untergrenze geben sollte. Wenn ein Kind in der Lage ist, zwischen einem Duplo-Riegel und einer Milchschnitte wählen zu können, sollte es auch die richtige Wahl zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel treffen.

Aber eine solche Regelung wäre in der Praxis schwer durchzusetzen. Was macht man mit Kindern, die sich nicht entscheiden können und sowohl den Duplo-Riegel wie die Milchschnitte haben möchten? Oder die ihre Entscheidung davon abhängig machen, was die Klitschko-Brüder gerade naschen? Oder die stundenlang in der Wahlkabine rumhängen und die Wahlzettel voll schmieren?

Deswegen hat sich Antje Vollmer die “Treuhänderschaft” durch die Eltern ausgedacht. Nehmen wir an, ein Ehepaar hat fünf Kinder. Dann bekäme es nicht eine Einladung zu einer Aufklärungsstunde über Methoden der Empfängnisverhütung sondern sieben Wahlscheine ins Haus geschickt. Es hätte sieben Stimmen, die es nach Belieben vergeben könnte. Alle an die CDU oder die SPD, zwei an die SPD und fünf an die CDU, drei an die PDS und vier an die Republikaner, die sich ja auch um den Bestand der Familie sorgen, es gäbe mehr Kombinationen als Hundehaufen in einem Sandkasten.

Die Eltern könnten auch Tauschbörsen einrichten, wo neben getragenen Kinderkleidern nicht gebrauchte Stimmen angeboten würden. In jedem Fall müsste es eine “Regulierungsbehörde” geben, damit alles ordentlich und im Einklang mit den Gesetzen zugeht. Und es wäre vollkommen klar, wer ein solches Amt leiten sollte. Antje Vollmer hätte endlich einen Full-Time-Job, der ihrer Begabung und ihrer Größe entsprechen würde, dazu ein Freiabo von “Yam” und eine Dauerkarte für alle Konzerte von Peter Maffay.

Allerdings, auch Antje Vollmer weiß, dass es Menschen gibt, die das Kinderwahlrecht für keine gute Idee halten, die an dem altmodischen Prinzip “One Man, One Vote” fest halten möchten. Solchen Kleingeistern ruft sie entgegen, es sei “mit der Menschenwürde unvereinbar, ‘den Jungen’ das Wahlrecht vorzuenthalten!” Und: “Manches an den Gegenargumenten erinnert mich an jene längst vergangene Zeit, als um das Frauenwahlrecht gestritten wurde.” Wie diese Debatte ausgegangen ist, weiß man ja. Aber muss man jeden Fehler wiederholen, damit es nach Methode aussieht?

HMB, Berlin, 2.7.2oo3

Permanenter Link

Uncategorized