Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

02.08.2003   13:05   +Feedback

Umsatz schaffen ohne Waffen!

D A S   L E T Z T E

Markus von den Friedensfahnen hat 6o.ooo PACE-Tücher in Deutschland verkauft, für eine bessere Welt ohne Krieg und Gewalt. Jetzt trauert er um die ermordeten Saddam-Söhne.

Das neue Symbol der Friedensbewegung

Das neue Symbol derFriedensbewegung

Ich wusste es, großes Ehrenwort, ich hab’s kommen sehen. Kaum war die Nachricht vom unfreiwilligen Ableben der Saddam-Söhne rum, würden sich besorgte Menschen zu Wort melden und klagen, die beiden seien über ihre Rechte nicht belehrt worden, man hätte sie festnehmen und vor ein Gericht stellen müssen, mit Horst Mahler oder Christian Ströbele als Pflichtverteidiger und Jürgen Todenhöfer als Experten für die politischen Zustände im Irak. Ich tippte auf Antje Vollmer oder Friedrich Schorlemmer, eventuell auch Claudia Roth, die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Es kam schneller als ich dachte, wenn auch aus einer anderen Ecke. Entschuldigung, Frau Antje, nichts für ungut, Fritz und Claudia, es hätte ja sein können!

Am Tag danach räsonnierte Freimut Duve in den »Tagesthemen« über die »falsche Köpersprache der politischen Präsenz«, irgendwie fand er die Liquidierung der beiden Jungs nicht optimal, aber richtig dagegen war er auch nicht. Und ich fand diese Mail in meinem Yahoo-Briefkasten:

Liebe Friedensfreunde,

Wir stellen entsetzt fest, dass vor der ganzen Weltöffentlichkeit zwei Menschen ermordet wurden. Selbst wenn diese zwei Menschen Verbrecher gewesen sein sollten, ist Mord in unserer zivilisierten Welt noch immer ein Verbrechen, für das sich die Täter vor einem rechtstaatlichen Gericht verantworten müssen. Wir stellen weiterhin fest, dass dieser Mord nicht als Mord bezeichnet wird, sondern als besonderer Erfolg gefeiert wird. Außerdem gehen wir davon aus, dass der Auftraggeber für diesen Mord der US-amerikanische Präsident ist. Wir sind erschüttert über den Zustand der Welt. Wir trauern um die vielen Opfer dieses und jeden anderen Krieges gegen die Menschlichkeit.

Wir fordern eine Rückkehr zur Rechtstaatlichkeit und die Anerkennung der Internationalen Menschenrechte für alle Menschen!

Wir bitten Euch zu beachten, dass die Nachrichten der Medien reine Propaganda sind. Tatsachen werden durch gezielte Wortwahl und Einfärberei in ihr Gegenteil gekehrt. Aus Krieg wird Befreiung, aus Mord wird Erfolg, aus Verbrechern werden Helden ... Nennt die Dinge bei ihrem wirklichen Namen! Der Krieg gegen die Menschlichkeit ist im vollen Gange, auch wenn man uns vor Wochen ein Ende des Krieges gemeldet hat.

Elke Grözinger und Markus Schwarz

Ich hatte bis dato weder von Elke Grözinger noch von Markus Schwarz etwas gehört. Waren es deutsche Verwandte von Saddam Hussein? Hatten sie als »lebende Schutzschilder« vergeblich versucht, den Krieg zu verhindern? Kamen sie grade von einer Erdumseglung zurück, hatten nach Monaten zum erstenmal wieder die Tagesschau gesehen und waren »erschüttert über den Zustand der Welt«?

Ich guckte genauer hin. Unter der Mail stand:

** Fahnen fuer den Frieden - bandiere della pace ** ** Das neue Symbol der Friedensbewegung ** ** http://www.friedensfahnen.de ** ** mailto:info@friedensfahnen.de **

Ich klickte die Website an und wurde aufgeklärt. Das waren die Kriegsgewinnler, die italienische PACE-Fahnen nach Deutschland importierten, sie für zehn Euro (Normalpreis) und zwanzig Euro (Unterstützerpreis) verkauften und dabei über »Trittbrettaktionen« jammerten, bei denen mit »Dumpingpreisen« und »in die eigene Tasche« gewirtschaftet würde, während Elke&Markus einem höheren Zweck zuliebe handelten:

Wir fordern friedliche Konfliktlösung! Kein Krieg - nirgendwo! Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen dieser Welt!

Ich kam gerade von einer indonesischen Reistafel in Overveen zurück, war gut gelaunt und wollte mir den Abend nicht vermiesen lassen. Vielleicht war der Brief an die lieben Friedensfreunde nur ein Fake, den sich »Titanic« ausgedacht hatte, um zu sehen, wer darauf reinfallen würde. Also schickte ich Elke und Markus eine kurze Mail:

haben sie diesen brief wirklich geschrieben oder versucht jemand, ihnen was in die schuhe zu schieben?

Und bekam sofort eine Antwort:

Ja, sogar mit eigenen Worten!

Absender war:

»Markus von den Friedensfahnen«

Das hörte sich an wie ein Titel, den man bei einer Unicef-Tombola unter der Schirmherrschaft von Peter Ustinov gewinnen konnte. Markus von den Friedensfahnen! Jetzt hatte auch die Friedensbewegung ihren Adel.

Ich mailte zurück:

prima. und wie wäre es mit einer kleinen trauerfeier für den ermordeten ceaucescu?

Auch diesmal bekam ich umgehend eine Antwort:

Tut mir leid, ich kann mit der Polemik nichts anfangen! Ich bin entsetzt, wenn ein Mensch ermordet wird, egal, was es für einer war!

Die pazifizierende Wirkung der Reistafel ließ langsam nach. Eine alte Nummer von Wolfgang Neuß fiel mir ein, der die »Nonne Elisabeth aus Basel« sagen ließ: »Ich bin eine Supernonne, meine Großmutter war schon Nonne, meine Mutter auch. Schreiben Sie mir, schreben Sie mir auf mein Konto!« War Markus von den Friedensfahnen auch so ein Heiliger der besonderen Art? Ich fragte nach:

ps. und wäre es sehr ungehörig zu fragen, wie viel sie mit dem vertrieb der pace-fahnen umsatz gemacht, wie viel sie an friedensgruppen abgeführt und wie viel sie selbst verdient haben?

Die Antwort, die mir Markus von den Friedensfahnen schickte, klang ein wenig gereizt, aber sie enthielt relevante Informationen:

Hört sich sehr nach Neid an (ist kein friedliches Motiv)!

Wir haben so viel Umsatz gemacht, dass wir die Hilfskräfte bezahlen konnten, soweit diese es wollten. Und die Forderungen des Finanzamtes. Ich selber konnte für mich ein Honorar bezahlen, da ich 4 Monate Fulltime gearbeitet habe. Reich geworden sind wir nicht, sondern haben mit der ganzen Aktion Kopf- und ragen riskiert! Die IPPNW-Kinderhilfe Irak hat durch unsere Aktion insgesamt 160.000,- €uro erhalten.

Dennoch fand ich die Antwort leicht unbefriedigend. Irgendwo steckte ein Rechenfehler. Ich wollte es genauer wissen:

danke, sehr nett von ihnen. wie viele fahnen haben sie denn im ganzen abgesetzt? und was machen sie denn sonst beruflich?

Er muss ja nicht antworten, dachte ich, aber vielleicht tut er es doch. Und Markus von den Friedensfahnen antwortete:

Ist das ein Verhör? Wir haben eine ‘Doppelte Buchhaltung’, die durch einen Steuerberater und zwei ‘Kassenprüfer’ des Friedensnetzwerkes Ulm eingesehen wurde! 60.000 Fahnen haben wir verkauft, Durchschnittspreis 7,33 (wg. Ladenverkauf), Steueranteil: 2,45. Ich bin freiberuflicher Programmierer.

Wenn gleich zwei Prüfer des Ulmer Friedensnetzwerkes die Kasse kontrollierten, musste alles mit rechten Dingen zugehen. 6o.ooo Friedensfreunde hatten sich eine Fahne im schicken C&A-Design zugelegt, fest entschlossen, etwas für den Weltfrieden zu tun. Bei einem Durchschnittspreis pro Fahne von 7,33 Euro und 6o.ooo verkauften Fahnen mußte der Umsatz bei über 42o.ooo,- Euro liegen. Da waren die 16o.ooo,- Euro für die Irak-Kinderhilfe nicht allzu viel. Auf eine weitere Nachfrage teilte mir Markus von den Friedensfahnen mit, er wäre ein »wirtschaftlicher Zweckbetrieb« und müsste »ganz normal Steuern bezahlen, wie jede andere gemeinnützige Einrichtung auch!« Nämlich Umsatzsteuer, Gewerbesteuer und Einkommenssteuer.

Jetzt begriff ich: Markus von den Friedensfahnen war eine Ich-AG. Er hatte sich selbstständig gemacht und einen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung geleistet. Umsatz schaffen ohne Waffen! Es war ein sauberes Geschäft, die Umwelt wurde nicht belastet, es gab, anders als bei der Love Parade, die auch dem Frieden zuliebe stattfindet, keine Müllberge, die weggeräumt werden mussten, und der Boden wurde nicht durch eingesickertes Urin belastet. Markus von den Friedensfahnen hatte sich um den Frieden, die Konjunktur und die Umwelt verdient gemacht. Ich war gerührt.

danke für die infos.

und entschuldigen sie bitte meine hartnäckigkeit, nur damit ich klar sehe: gab es von ihnen eine ähnliche erklärung wie zum tode der beiden saddam-söhne zum jahrestag des massakers von srebrenica oder als die massengräber im irak entdeckt wurden? kann ja sein, dass ich sie übersehen habe.

Ich gebe zu, es war eher eine rhetorische Frage. Markus von den Friedensfahnen hatte kein Wort zu Srebrenica gesagt und auch keinen Gedanken an die Opfer der Saddam-Herrschaft verschwendet. Sein Herz fing erst zu bluten an, als er die Leichen der Saddam-Söhne im Fernsehen sah. Da legte er sich eine seiner PACE-Fahnen um die Schultern, wie es die Friedensfreunde gerne tun, und trauerte.

Und als er wieder klar denken konnte, schickte er mir eine letzte mail:

Da wurden die Morde auch nicht so öffentlich gefeiert! Ich habe nicht die Toten beklagt, sondern den öffentlichen Triumpf über zwei Morde.

Va bene. Jetzt wartet Markus von den Friedensfahnen auf den nächsten Krieg, damit sein »wirtschaftlicher Zweckbetrieb« wieder in Fahrt kommt. Und falls die Amis demnächst Saddam Hussein erwischen, wird er der erste sein, der auch diesen Mord im Namen der Menschlichkeit verdammen wird.

HMB, Bloemendaal, 26.7.2oo3

Bullet

Elke! Wo bleibt Elke?

Während ich mit »Markus von den Friedensfahnen« mails tauschte, fragte ich mich zwischendurch: Elke! Wo bleibt Elke? Markus und Elke treten auf ihrer Homepage zusammen auf, er sieht aus wie der junge Dieter Thomas Heck, sie wie ein BDM-Klon. Und beide strahlen mehr positive Energie aus, als Daniel Küblböck verkraften könnte. Dass ich immer nur Mails von Markus bekam, hatte wahrscheinlich einen organischen Grund: Markus war der Politruk des Unternehmens, zuständig für die strategische Planung und deren Umsetzung, während Elke ihm solidarisch die Stange hielt: Sie machte die Buchhaltung, ging einkaufen und sang immer »We shall overcome one day«, während sie Kaffee kochte und Stullen schmierte. Aber so war es nicht. Es war genau andersrum. Elke war der Kopf der Firma, sie gab die Richtung vor, während Markus den Kleinkram erledigte. Denn ganz zum Schluss bekam ich diese Mail, die Elke geschrieben hatte:

lieber friedensfreund,

aus deinen mails kann ich herauslesen, dass es dir offensichtlich schlecht geht. es tut mir leid, dass du dich in einer situation befindest, in der du nur noch blind um dich schlagen kannst. die ursachen kenne ich nicht (verletzungen, verluste, desorientierung, fanatismus….?).

ich möchte dir mitteilen, dass es möglich ist, im leben einen sinn zu finden, freude an arbeit und einsatz zu erleben, erfolg und anerkennung zu bekommen usw.

wir sind hier zu zweit und beide aus erfahrung überzeugt von uns und unserer arbeit. wir sind glücklich, dass wir etwas leisten können, was fast unglaublich ist: innerhalb weniger wochen der weltweiten friedensbewegung ein neues symbol zu schenken, anstöße zum nachdenken, diskutieren und handeln zu geben, sehr viel geld für eine friedensaktion/hilfsaktion zusammenzutragen, in kurzer zeit viele gruppen und einzelne menschen zu einer superaktion zu vereinen, auf der ganzen welt kontakt zu gleichgesinnten knüpfen, und trotz allen neidern und gierhälsen unglaublich viel anerkennung und hochachtung von bekannten und fremden menschen zu ernten.

das ist eine großartige erfahrung!

wir haben uns für etwas wichtiges und gutes eingesetzt und tun das auch jetzt noch. da wir nur zu zweit sind, können wir allerdings nicht in unserer freizeit die ganze welt retten, wir suchen uns aus, wann wir uns wo einsetzen und für was und mit welchen mitteln. somit bleibt genug betätigungsmöglichkeit für jeden, der sich engagieren will, übrig.

jeder macht zu jeder zeit durch sein handeln und nicht handeln, durch die art und weise, wie er lebt und durch die art und weise, wie er seinen mitmenschen gegenübertritt eine aussage darüber, wer er ist.

ich kann durch deine mails erkennen, wer du bist. schade. du könntest auch deine positiven seiten dem leben anbieten. das wäre wichtig für unsere welt, und es würde weniger kriege und leid geben…

da wir uns lieber in der friedensarbeit engagieren und unsere wenige zeit ungern einem fruchtlosen gequengel opfern, können wir weitere mails von dir in dieser art nicht mehr beantworten, zumal wir das gefühl haben, dass du nicht lesen kannst, was wir dir schreiben sondern nur noch irgendwelche eigenen vorstellungen aufsitzt. wir wünschen dir von herzem gute besserung und eine portion liebe, die dein wundes herz tröstet!

elke von den friedensfahnen

Mich mit »lieber friedensfreund« anzusprechen, zeugte von einer gewissen Weltabgewandtheit, andererseits: so intensiv, so liebevoll, so zärtlich hatte sich lange niemand mehr mit mir beschäftigt. Elke und Markus, die in ihrer Freizeit zwar nicht die ganze Welt retten können, aber glücklich sind, der weltweiten Friedensbewegung ein Symbol geschenkt zu haben, zum Stückpreis von 1o,- bzw. 2o,- Euro, während ich meine Verletzungen und Verluste durch blindes Ummichschlagen zu verarbeiten versuche, desorientiert und vom Fanatismus getrieben. 4o Jahre Margarete Mitscherlich, 3o Jahre Alice Schwarzer und 1o Jahre Arabella Kiesbauer zeigen endlich Wirkung. Elke von den Friedens-fahnen dealt nicht nur mit Fahnen für den Frieden, sie kennt sich auch in der großen weiten Welt der Traumata aus. Früher hätte sie auf der Kirmes den Leuten aus der Hand gelesen, heute macht sie in Küchenpsychologie. Und nimmt nicht einmal Geld dafür. Eine echte Idealistin, mit dem Herz von Mutter Teresa, der Seele von Inge Meysel und dem Hirn eines Delmenhorster Spatzen. Piep, piep, piep, Elke hat mich lieb.

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02.08.2003

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