Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

19.10.2003   13:04   +Feedback

Das Recht auf Terrorismus

D A S   L E T Z T E

Toleranz tötet - Kein »Recht auf Terrorismus« gegen Israel

Es ist zynisch, zu verlangen, dass ein Buch, das den palästinensischen Terror rechtfertigt, weiter als Vorlage für eine Debatte bereitgestellt werden muss. Und es ist unheimlich, dass nicht Ahnungslosigkeit, Ignoranz, Zynismus und die neue Feindseligkeit Diskursthema Nummer eins in unserem Lande sind.

Ulla Berkéwicz, DIE ZEIT 36/2003

Auf die Frage der Zeitung junge Welt (vom 01.10.03) »Halten Sie palästinensische Selbstmordattentate für ein legitimes Mittel der Gegenwehr?« antwortete Ted Honderich: »Das tue ich, und das erregt den Zorn der Neozionisten«. Honderich soll, eingeladen von Professor Georg Meggle, heute die Thesen seines Buches »Nach dem Terror« verteidigen. Gegen wen? Gegen Micha Brumlik und gegen Jürgen Habermas. Leider ist den Förderern der Veranstaltung - der Universität Leipzig, der Stadt Leipzig, der Leipziger Volkszeitung und der »Vereinigung der Förderer und Freunde der Universität Leipzig«, die ansonsten Diskussionen über Themen wie »Nur noch Krücken für Senioren?« mitverantworten - in diesem Fall ein Missgeschick passiert: Die beiden Mitdiskutanten haben abgesagt.

Die Veranstaltung heißt »Gibt es ein Recht auf Terrorismus?« In der Pressemitteilung der Veranstalter steht: »Zur Teilnahme an der gleichen Veranstaltung waren eingeladen: Micha Brumlik und Jürgen Habermas. Beide haben das Diskussionsangebot abgelehnt.« Und so wird Ted Honderich seine Thesen überhaupt nicht zu verteidigen haben. Jedenfalls nicht gegen Georg Meggle, der zwar ausgewiesener Fan sowohl der »interkulturellen« als auch der »interpersonellen Kommunikation« ist, es aber schwer haben wird, einen Dissens mit Honderich zu finden. Wir hingegen haben es einfacher: Wir fordern nämlich nichts Geringeres als das, was Meggle »Kommunikationsbruch« nennen würde und was Brumlik mit seiner Absage bezweckte: Dass diese Veranstaltung nicht stattfindet; weil wir es wie Ulla Berkéwicz für zynisch halten, eine Debatte über ein Buch zu führen, das palästinensischen Terror rechtfertigt; weil wir es mit Micha Brumlik unerträglich finden, dass in dem Buch die Ermordung jüdischer Menschen in Israel als legitim bezeichnet wird.

Palästinensische Selbstmordattentate haben das Ziel, so viele Juden wie möglich zu töten. Erklärte Absicht der palästinensischen Terrororganisationen ist die Beseitigung Israels. Daher handelt es sich um eine Verkehrung der Tatsachen, wenn Ted Honderich auf seiner Homepage behauptet: »The Palestinians are right to look back to Fascist Germany and say they are the Jews of the Jews.« Die Operationen der Israelischen Armee in den palästinensischen Gebieten sind Aktionen zur Verhinderung von terroristischen Anschlägen. Die Vernichtungsdrohung kommt von den palästinensischen Terrorgruppen. Sie wird seit dem Beginn der zweiten Intifada in die Tat umgesetzt - so vor einiger Zeit beim Anschlag auf das israelisch-arabische Café »Maxim« in Haifa. Die Nachfolgeorganisation der mit den Nationalsozialisten kooperierenden Muslimbrüderschaft - die Hamas - zeichnet sich heute wie andere palästinensische Terrorgruppen durch einen eliminatorischen Antisemitismus aus. Im Artikel 6 der Hamas-Charta wird als Ziel formuliert, »das Banner Allahs über jedem Zentimeter Palästinas [zu] hissen. Für das palästinensische Problem gibt es keine Lösung außer dem Heiligen Krieg.« In diesem Krieg geht es auch gegen sogenannte palästinensische Kollaborateure, von denen in der Zeit von 1987 bis 1993 mindestens 942 durch Hamas-Kommandos umgebracht worden sind.

Die Solidarität mit Israel ist nach Auschwitz für Antifaschisten eine Selbstverständlichkeit. Daher unterstützen wir ausdrücklich die israelische Selbstverteidigung gegen den islamistischen Antisemitismus. Für uns als Kritiker in emanzipatorischer Absicht ist es inakzeptabel, Verständnis für den palästinensischen Terror zu entwickeln und ihn mit den Lebensbedingungen der Bevölkerung der palästinensischen Gebiete zu rechtfertigen, wie es Ted Honderich tut, indem er die Frage »Gibt es ein Recht auf Terrorismus?« mit ‚Ja’ beantwortet, was von den Organisatoren dieser Veranstaltung für diskutabel gehalten wird. Perfid ist es zugleich, wie mit der Geste des sachlichen Analytikers der Mord an möglichst vielen Juden, den islamistische Attentate darstellen, die Taten, die durch die wahnhafte Projektion der Attentäter verursacht sind, nachträglich rationalisiert werden. Es ist die Methode des klassischen Antisemitismus selbst, der schon immer wusste, dass der Judenmord nicht ohne Schuld der Juden geschehen konnte.

Die heutige Veranstaltung passt zu Georg Meggles »Vision« EURABIA, über die man in seinem Abschlussvortrag der Ringvorlesung »Terror und der Krieg gegen ihn« einiges lesen kann. Meggle meint, gegen den »Welt-Eroberungskrieg« der USA würde nur die Auflösung der NATO helfen (Erster Schritt: »Deutschland und Frankreich raus aus der NATO«) und er erträumt sich für die »drei Brüder« - Europa, arabische Länder und deren »Zwillingsbruder« Israel - die »Kooperation im gemeinsamen arabisch-europäischen Raum« Vor diesem raumgreifenden Zusammenschluss gegen die USA graut uns. Es ist unzumutbar, dass ein deutscher Professor Israel ausgerechnet die islamischen Despotien und das Alte Europa samt dem postnazistischen Deutschland als Partner empfiehlt - an Stelle der Vereinigten Staaten von Amerika. In der Realität richtet sich die ‘europäisch-arabische Zusammenarbeit’ gegen Israel: Auf den Landkarten der palästinensischen Schulbücher, die von der EU finanziert wurden, reicht Palästina bis zum Mittelmeer - Israel fehlt. Die Europäische Union selbst hat sich bis vor wenigen Wochen geweigert, die Hamas als Terror-Organisation einzustufen. In den arabischen Ländern ist Hitlers »Mein Kampf« in den Bestseller-Listen zu finden, und in Ägypten erfreut sich eine Fernsehserie, die auf den »Protokollen der Weisen von Zion« basiert, großer Beliebtheit.

Uns als Antifaschisten ist es egal, ob sich so wissbegierige wie begriffslose Studentinnen und Studenten das repressiv tolerante Geplapper von Georg Meggle über »Terror und Gegenterror« innerhalb einer Ringvorlesung anhören. Auch die strafrechtliche Relevanz dessen, dass Professor Meggle in seinem Abschlussvortrag dieser Ringvorlesung die US-amerikanische Regierungsinstitution Office for Global Communications als »Office für Lügen und Täuschungen« diffamiert kümmert uns nicht. Wenn aber die Öffentlichkeit eingeladen wird, sich Relativierung und Rechtfertigung von Antisemitismus anzuhören und darüber zu diskutieren, ob Selbstmordattentate in Israel legitim sind, lehnen wir dieses Diskussionsangebot wie Micha Brumlik ab.

19.10.2003 Bündnis für Israel, Leipzig

 

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