Sie haben das Recht zu schweigen. Henryk M. Broders Sparring-Arena

Henryk M. Broder

18.06.2004   13:05   +Feedback

Einkaufen im Sicherheitstrakt

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Einkaufen in Berlin ist eine Klassenfrage. Die besseren Leute kaufen bei Butter Lindner ein, wo 1oo Gramm Parmaschinken so viel kosten wie eine Uhr bei Tschibo, die aggressiven Rentner gehen nach ALDI und alle übrigen zu Reichelt.

Klassenfrage: Einkaufen bei Reichelt

Klassenfrage:Einkaufen bei Reichelt

Ich habe mich schon dermaßen an den Non-Service bei Reichelt gewöhnt, dass ich neulich zusammen zuckte, als mich ein netter Mensch bei Ralph’s Fresh Fare in Pacific Palisades fragte: »Can I help you, Sir?«.

So was kann einem bei Reichelt nicht passieren. Da wird man behandelt wie in einem Hochsicherheitstrakt. An der Rampe zum Parkplatz warnt ein Schild: »Die Benutzung des Parkplatzes erfolgt - auch bei Eis- und Schneeglätte - auf eigene Gefahr!«, was natürlich vollkommener Unsinn ist, denn wenn Reichelt bei Eis- und Schneeglätte nicht gestreut hat und sich ein Kunde ein Bein bricht, dann haftet Reichelt für den Schaden, egal was auf dem Schild steht.

Der Parkplatz ist so heimelig wie ein verlassener Kirmesplatz nach Mitternacht, trotzdem geht man bei Reichelt offenbar davon aus, dass manche Kunden nach dem Einkaufen dort übernachten möchten, um am nächsten Morgen die Ladenöffnung nicht zu verpassen. Es seien keine Dauerparkplätze, Zuwiderhandlungen würden »strafrechtlich« verfolgt.

Es ist zwar kein Fall bekannt, dass jemand wegen »Dauerparkens bei Reichelt« verurteilt worden wäre, aber es könnte sein, dass demnächst ein Gesetz verabschiedet wird, das Einkaufen bei Reichelt generell mit Strafe bedroht:

Zu Besuch bei ReicheltZu Besuch bei ReicheltZu Besuch bei ReicheltZu Besuch bei ReicheltZu Besuch bei ReicheltZu Besuch bei Reichelt

»Wer bei Reichelt einkauft oder andere dazu veranlasst, bei Reichelt einzukaufen oder es hinnimmt, dass sein Nachbar bei Reichelt einkauft, ohne ihn auf die Gefahren hinzuweisen, wird mit einem Einkaufsgutschein im Wert einer Bulette bestraft.«

Hat man den Wagen abgestellt und sich bei Eis- und Schneeglätte nix gebrochen, geht der Erziehungsprozess spätestens an der Kasse weiter. Die Verkäuferinnen sind angewiesen, »nur vom Band zu kassieren«, als ob jemand auf die Idee kommen könnte, die Waren auf dem Boden auszubreiten.

Hat man eine Einkaufstasche in den Einkaufskorb gestellt, wird man aufgefordert, sie hochzunehmen, weil die Kassiererin nachsehen will, ob man unter der Tasche eine Gans oder eine Flasche Rotkäppchen versteckt hat. Über der Kasse hängen Spiegel wie früher an den Übergängen an der Zonengrenze, zahlt man bar, wird der Schein in einen UV-Scanner gesteckt, er könnte ja gefälscht sein.

Kurzum, wer bei Reichelt einkauft, wird vorsorglich wie ein Krimineller behandelt. Ich habe vor kurzem gefragt, ob ich auch die Jacke ausziehen und die Hosen runterlassen soll, aber die Kassiererin war schon etwas älter und nicht zum Scherzen aufgelegt. Einige zeigen manchmal einen Anflug von Lächeln, als wollten sie sich für die Behandlung der Kunden entschuldigen, aber das kommt nicht oft vor, zumal die Frauen für solche Nettigkeiten keine Zeit haben, denn von fünf Kassen sind selten mehr als zwei besetzt.

Und der einzige Mensch, der wirklich freundlich ist, sitzt draußen vor der Tür und spielt Gitarre. Er ist gut gelaunt, denn er geht nicht zu Reichelt, weder zum Arbeiten noch zum Einkaufen.

HMB, Bln, 18.6.2oo4

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